Europäische Fußspuren im neuen großen China

Wenn man in Macau am Flughafen ankommt überrascht einen weniger die zu erwatende Schwüle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad und Luftfeuchtigkeit von 97%, sondern vor allem auch, dass anscheinend Taxen Mangelware sind. Denn nur vereinzelt kommt mal ein Taxi vorgefahren, dass dann von Geisterhand die entsprechende Fahrgasttür und den Kofferraum öffnet. Selbst die Fahrer wollen bei diesem Klima nicht vor die Autotür.

Das Klima hinterlässt dann auch deutliche (Schimmel)Spuren an den Gebäuden, selbst an den schönsten und rausgeputztesten Casinos. Und davon gibt’s eine Menge.

Nicht jeder findet moderne Casinos in alten Kolonialstädten super

Nicht jeder findet moderne Casinos in alten Kolonialstädten super

Die Zockerhauptstadt Asiens, die früher mal eine beschauliche kleine portugiesische Kolonie mit kleinen beschaulichen portugiesischen Ortsteilen war, lässt jetzt ein modernes Casino neben dem anderen aus dem Boden schießen. Angeblich hat es jetzt schon Las Vegas überholt, was die Summen beim Zocken angeht. Und drumherum lassen sie sich auch nicht lumpen. Im Casino Lisboa sammeln sie eindrucksvolle Kunst in der Lobby (z. B. eine 6 Jahre lang von 10 Künstlern aus Mammutzähnen geschnitztes Teilstück der Großen Mauer samt Alltagsszenen der Menschen dort) und im The Venetian schippern ausgebildete Sänger die Fahrgäste in Gondeln durch das Gebäude – durch den künstlichen Canale Grande unter der Rialto-Brücke hindurch. Zumindest diejenigen, die nicht gerade ein Vertu-Handy für 42.000,-€ oder einen Jade-Armreif für 1,9 Millionen Euro (!) kaufen oder ein Stockwerk tiefer wahrscheinlich die gleichen Summen verzocken.

Da schaut es draußen in den Gassen und den Außenbezirken der ehemaligen portugiesischen Kolonie doch ganz anders aus. Krasser kann der Gegensatz kaum ausfallen. Die einen gönnen sich Fitness-Studios vom letzten Schrei samt den teuersten Trainern, die anderen machen das halt einfach auf dem verratzten Häuserdach.

Freiluft-Fitnessstudio auf der Schattenseite des Luxus

Freiluft-Fitnessstudio auf der Schattenseite des Luxus

Ebenso krass ist der Kontrast in Hongkong, wo sich das Leben aber stark vermischt. So stöckeln die schicken Expat-Damen durch die übel riechenden und mit Kakerlaken reichlich gesegneten Marktgassen, die sich den Berg zwischen den endlosen Wolkenkratzern hochziehen. Tagsüber sieht man dann auch, was es dort so alles gibt.

Tintenfisch - getrocknet so platt wie eine Flunder

Tintenfisch – getrocknet so platt wie eine Flunder

Zwar nicht wie in Peking in der Touri-Fressgasse Seesterne, lebende Skorpione oder Seepferdchen am Spieß, aber alles, was einen ungewöhnten westlichen Magen doch ein wenig in Wallung bringen kann. Heftigere Bilder hierzu gibt’s gerne auf Anfrage – im Angebot sind blasse Hühnerfüße, aufgedunsene Fischinnereien oder gut abgehangene Schweineköpfe.

pelziger Rindermagen und glibbriger Rest vom Vieh

pelziger Rindermagen und glibbriger Rest vom Vieh

Auch in Macau bekommt man leckere Suppen, die man sich frei zusammenstellen kann. Unsere Kombi mit Nudeln Fischbällchen, ein bisschen Gemüse und Rindfleisch war gut, auch wenn sich das Rindfleisch als Magen und irgendetwas mit einer sehr ungewohnten rindlichen Konsistenz herausstellte. Da sind die fettigen Fleischplatten, die an jeder Ecke angeboten werden, noch richtig appetitlich.

Eierpudding mal anders serviert

Eierpudding mal in der Ursprungsverpackung serviert

Ein Traum sind auf jeden Fall die aus portugiesischen Zeiten übrig gebliebenen Eiertörtchen. Ein für das deutsche Hygieneamt wahrscheinlich Präsentations-Albtraum ist dagegen der Eierpudding, der hier in einer recht originellen – da originalen – Verpackung daher kommt.

 

Auch Hongkong hat noch recht viel Anlehnung an das Vorbild aus dem kolonialen Mutterland zu bieten. Überall Doppeldeckerbusse und eine einzige spezielle Taxi-Form. Man fühlt sich fast nach London versetzt, samt anständigem Schlangestehen, coolen Jazz-Clubs und Millionen von Seven Eleven Läden. Nur der Klimaanlagenschock (von 33 Grad in 17 Grad kalte Kneipen) und ausschließlich kaltes Wasser in der Dusche meines überteuerten Hostels (das 9-Bett-Zimmer hatte die gleiche Größe wie das Badezimmer zuvor im von Joe’s AMEX-Punkten gesponserten Ressort in Macau) sowie der irre, in den Berg zementierte Straßenverkehr beamen einen schnell wieder in die Hongkonger Realität. Aber wenigstens bekommt man hier ganz ohne Anstehen und Warterei innerhalb von nur 30 Stunden das Visum für Myanmar.

Hongkonger Straßendschungel

Hongkonger Straßendschungel

Werbeanzeigen

Peking überrascht…

…nicht nur weil bei unserer Ankunft kaum Smog war, sondern weil die Stadt auch viel grüner und viel weniger wuselig, ist als ich dachte. In den Hutongs (den kleinen Gassen in den von der Wolkenkratzer-Bauwut arg bedrohten alten Viertel) bekommt man sogar von dem Verkehrslärm nichts mit. Dort muss man eher aufpassen, nicht vom „leisen Tod“, den schon seit Jahrzehnten rumfahrenden Elektro-Vespas und -Mofas, von hinten über den Haufen gefahren zu werden. Die Autos, die in hier zu sperrig und daher oft einfach nur in den Gassen geparkt sind, sehen aufgrund der Luftverschmutzung aus, als würden sie schon seit Jahren abgemeldet hier rumstehen. Dabei reicht in Peking manchmal schon ein Tag für eine respektable Staubschicht aus.

Lautlos bewegt sich manchmal auch die Polizei. Nämlich mit Polizei-Segways z. B. auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Da fahren sie dann Slalom um die ganzen uniformierten und Zivil-Polizisten, die den Platz zusätzlich zu den – geschätzt – 4.000 Überwachungskameras allein auf diesem Areal im Auge behalten. Seltsam, wenn man auf den Platz geht und die Chinesen ihre Taschen zum Durchleuchten in das Röntgengerät legen müssen und z.T. der Pass kontrolliert wird, während Ausländer unbehelligt drauf können. Hier wie auch bei der Verbotenen Stadt stehen wahrscheinlich aus Furcht, mit den mitgebrachten Benzin-Kanistern würden sich Mönche oder sonstige Demonstranten selbst verbrennen, unzählige Feuerlöscher direkt in der Nähe der unter Sonnenschirmen wartenden Zivilpolizisten. Was den wachsamen Augen aber wohlwollend entgangen ist, war der kleine Junge, der auf den Platz gekackt hat.

das nicht ganz so stille Örtchen im Hutong

das nicht ganz so stille Örtchen im Hutong

Und das obwohl die Chinesen bei ihren Klos durchaus erfinderisch sind. Eine Häuserecke im Hutong reicht aus. Wahrscheinlich für diejenigen, die aufgrund nicht vorhandener Türen auf das Auge-in-Auge-Geschäft mit dem gegenüber Hockenden verzichten wollen. Dabei sind sie auch hier eh’ nur mit dem iPhone beschäftigt. Wahrscheinlich für die meisten im wahrsten Sinne des Wortes ein Scheißspiel…

Die Smartphone-Sucht sorgt sowohl hier als auch in Macau oder Hongkong dafür, dass wirklich jeder in die kleine Kiste starrt – was man als Langnase in der U-Bahn recht gut beobachten kann, da man prima über alle Köpfe hinweg schauen kann. Wenn man dann rausschaut, entdeckt man die riesigen Dimensionen der Stadt. Stundenlang kann man mit der U-Bahn fahren und jedes Mal, wenn sie ans Tageslicht kommt, sieht man monströse Trabantenstädte. Erschreckend dabei ist, dass selbst diese Wohnungen für die meisten normalen Angestellten unerreichbarer Luxus sind. Die Realität ist oft ein 30m² Zimmer für die ganze Familie ohne direktes Licht, dafür aber das Klo auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Hutong.

Bei den beengten Verhältnissen ist es auch kein Wunder, wenn sich der Koch des Restaurants mal kurz während der Arbeit auf der Straße rasiert oder die Leute zweimal am Tag im Hutong-Markt frisch einkaufen gehen, da kein Platz für eine Küche oder einen Kühlschrank ist.

aus hygienischen Gründen bitte nur fernab vom Kochtopf rasieren

aus hygienischen Gründen bitte nur fernab vom Kochtopf rasieren

Wer einen Kühlschrank hat, ist oftmals ein Alien – nämlich ein hier lebender und arbeitender Ausländer, der auch einen Alienpass bekommt. Und auch wir als Besucher mussten zur Polizei, um uns als Aliens – so steht es zumindest angeschrieben – pflichtbewusst anzumelden. Angesichts der Überwachung durch Kameras durchaus empfehlenswert, es auch zu machen. Durch diese Kameratechnik  wird alles gesehen und geht nichts verloren, denn z. B. beim Schal, den unser Gastgeber verloren hatte, konnte man durch die Überwachungskameras exakt lokalisieren, wo er ihn nicht mehr hatte und konnte dann dort anrufen und sagen, dass man den Schal morgen abholt. Ob die Kameras auch verfolgen, wer in die Friseursalons mit Happy Ending geht, habe ich allerdings nicht eruieren können. Das gibt’s nämlich nicht nur bei einschlägigen Massagestudios…

Auf der Großen Mauer habe ich nur wenige Kameras gesehen. Lag wahrscheinlich daran, dass wir erst einmal auf einem unrestaurierten Stück mit herrlich unberührter Natur gewandert sind. Dann doch noch ein Stück restaurierte Mauer mit entsprechend vielen Touristen, weiterhin tollen Ausblicken und zur Belohnung eine Sommerrodelbahn, wo die Streckenposten heftigst mit Fähnchenwinken beschäftigt waren, um uns zu einer gemäßigteren Fahrweise zu bewegen. Bei Langnasen aus dem Land vom Hackl Schorsch aber vergeblich :-).

Mit dem Winken haben sie’s eh’.

sonntags morgens beim Flugzeug-Einwinken im Park

sonntags morgens beim Flugzeug-Einwinken im Park

Beispielsweise, wenn man Sonntag morgens in den Park vom Kohlehügel hinter der Verbotenen Stadt geht. Hier tummeln sich unglaublich viele Menschen zu Frühsport und Frühmusizieren der verschiedensten Art.

Marschblasen auf chinesisch

Marschblasen auf chinesisch

wie einst bei der Rocky Horror Picture Show

wie einst bei der Rocky Horror Picture Show

Ob sie mit Bändern wie ein Flugzeugeinweiser wedeln, mit einer Art Federball-HackySack Fußball-Tennis spielen, sich im Paar- wie auch Massentanz miteinander vergnügen, mit lustigen Instrumenten musizieren oder in verschiedenen Chören unter professioneller Leitung gegeneinander ansingen. Hier treffen sich alle, die nicht schon an den unzähligen Tischtennisplatten und Freiluft-Fitness-Centern hängen geblieben sind.

P.S.: Falls Ihr Euch wundert, warum so lange nichts erschienen ist. Sowohl in China als auch in Myanmar werden Blogseiten geblockt. Aus irgendeinem Grund kann ich aber in Myanmar gerade doch hochladen – zumal hier erschwerend hinzukommt, dass das Internet überhaupt nur sporadisch funktioniert. Daher jetzt schnell die ersten Texte und vielleicht später noch ein paar Fotos mehr.