Kulturschock in Varanasi – herzlich willkommen in Indien!

Nachdem ich in einem sinnlos langen dreistufigen Prozess nach einer guten Woche und drei Besuchen bei der Visumsstelle in Kathmandu endlich das Visum in den Händen hielt, konnte ich mich auf den Weg machen. Dass sie dann an der Grenze auch noch einmal richtig lange brauchen, um einen Stempel reinzuhauen, liegt wahrscheinlich daran, dass in Indien jeder irgendwem zuarbeitet. In diesem Fall wahrscheinlich die Grenzer den Jungs, die Dir draußen einen privaten Jeep von der Grenze nach Varanasi oder Gorakhpur verkaufen wollen.

Was in der Tat eine gute Idee ist, wenn man die staatlichen Busse sieht, die sich auf eine angeblich zehnstündige Reise nach Varanasi machen und vielleicht sogar ankommen. Da ich das nicht überprüfen wollte, habe ich mit einem Deutsch-Mexikaner und einigen Israelis einen Jeep gemietet. Die versprochenen sechs Stunden wurden leicht zu zehn Stunden – nicht auszudenken, was aus den versprochenen zehn Stunden im staatlichen Bus wurde… Um wach zu bleiben zogen sich der Fahrer und sein Adjutant, der die meiste Zeit zwischen dem Fahrer und mir auf einem auf die Handbremse gelegten Schlafsack saß, Bethelnuss-Tabak-Gemisch rein. Da war es wieder – das Paan. Und hier futtern sie das Zeug fast noch mehr als in Myanmar.

Kohlebügeleisen

Mit heißen Kohlen gebügelt

Mit einer Slalomfahrt durch auf Deiner Spur entgegenkommende Laster und Busse, vorbei an Unmengen von Straßenkühen und überfahrenen Hunden und eingehüllt in Staub und gebeutelt von Schlaglöchern kommst Du nach einer Fahrt durch z. T. mittelalterliche Szenerien in ärmsten Gegenden dann in Varanasi an und kriegst die volle Dröhnung Indien ab. Totales Verkehrschaos, die untergehende Sonne im Smog kaum zu sehen, keine Ahnung von der Stadt habende Fahrer und unglaublicher Gestank mit einer Mischung aus Müll und Kuhscheiße erwarten den Neuankömmling in dieser Stadt.

Wenigstens mischt sich kein Verwesungs- oder Leichenverbrennungsgeruch darunter, obwohl Varanasi die Stadt ist, in die die Sterbenden kommen, um hier aus dem Leben zu scheiden. Wer es nicht ganz geschafft hat, wird von seinen Angehörigen hierher gebracht. Denn als Hindu möchtest Du Deines Seelenfriedens zuliebe als Asche im Ganges landen. Und so sieht die Stadt auch aus. Viele Menschen siechen dahin und fast im Minutentakt werden nachmittags Leichen durch die Straße zu den Verbrennungsstätten am Fluss getragen. Insgesamt 400 Verbrennungen gibt es pro Tag.

Verbrennungs-Ghat in Varanasi

genug Holz – und natürlich Kühe – gibts am Verbrennungs-Ghat

Die Bahren mit den Leichen werden erst einmal im Ganges gewaschen, dann auf den Treppen – den Ghats – zum Trocknen abgelegt und anschließend auf die zwischenzeitlich aufgeschichteten Scheiterhaufen gelegt. Nachdem eines der männlichen Familienmitglieder – Frauen sind bei den Verbrennungen nicht zugelassen – das Feuer an einem 3.500 Jahre alten nie verlöschenden heiligen Feuer geholt hat und die Leiche angezündet hat, werden den Männern als Zeichen der Trauer die Haare bis auf ein kleines Büschelchen abrasiert.
In der Zwischenzeit verbrennen die Leichen – leider nicht immer vollständig. Vor allem männliche Brustkörbe und gebärfreudige weibliche Becken nicht. Die Reste davon werden dann einfach in den Ganges geworfen. Gänzlich unverbrannt werden mit einem Stein die Körper von Kindern, Schwangeren, Priestern, Leprakranken und von durch Kobrabisse getöteten Menschen im Ganges versenkt. In dieser ganzen Brühe machen die Menschen dann ihre rituellen Waschungen und jetzt kommt das Absurde: Ich habe eine Deutsche in wallenden Gewändern getroffen, die wie manch anderer Tourist auch, durch den Fluss geschwommen ist!
Freiwillig und nicht so wie die besondere Berufsgruppe der Goldwäscher, die direkt nachdem die Asche in den Fluss gefegt wird, mit großen Schürfschüsseln nach Ohr-, Nasen- und sonstigen Ringen schürfen.
Die Bootsfahrt, bei der es Dir passieren kann, dass dir einige Leichenteile oder gleich ganze Leichen – deren Seile in der Mitte des Flusses gerissen sind – entgegen kommen, habe ich mir dann gespart.

Die Menschen werden entsprechend Ihrer Kasten auf verschiedenen Terrassen verbrannt. Lustig wiederum ist, dass egal auf welcher Ebene die Scheiterhaufen liegen, stehen überall dazwischen Kühe rum.

Müll-Kuh in Varanasi

zwischen Kuh und Wand passt immer noch ein Mensch … und viel Müll

Das Klischee von Indien verfolgt die Inder also auch bis in den Tod. Und davor erleben die meisten Inder die Kühe hautnah – entweder sich in den engen Gassen dran vorbeiquetschend oder barfuß durch die Hinterlassenschaften wandelnd. Der viele Müll und Mist in den Straßen ist unglaublich – und gibt eine Duftnote, die man so schnell nicht vergisst. Ebenso wenig wie die Armut der Menschen, die ich niemals zuvor so krass gesehen habe. Demnächst wird es hier auch wieder heiterer, aber die „Totenstadt“ Varanasi lässt für die anderen Absurditäten des Reisens keinen Platz.

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