Warum in die Ferne schweifen…

…wenn die (Wahl-)Heimat so nah liegt und auch schöne Geschichten bietet.
Wobei mein derzeitiger Wohnort Wien ja für manchen in Kiel oder aus den dortigen Quasi-Nachbardörfchen Kalifornien und Brasilien durchaus eher fern ist.

Und das wohl nicht nur geografisch. Auch sprachlich findet sich der Deutsche in Wien manchmal in einer anderen Welt wieder. Beispielsweise im Restaurant, wo er beim Lesen der Speisekarte manchmal wünscht, er wäre in einem Thai-Restaurant. Denn dort weiß er dank der heutigen globalisierten Welt zumindest oft schon, was ihn bei Tom Yam oder Phat Thai erwartet.
Wohingegen er bei Blunzengröstel mit Kren (angebratenes Blutwurst-Kartoffel-Gemisch mit Merrettich), Vanillerostbraten (wie ein Zwiebelrostbraten nur mit Knoblauch drauf), Faschiertem Laibchen (Frikadelle/Bulette), Beuschel (Lunge) oder Stelze (Haxe) mit Erdäpfel-Vogerlsalat (Kartoffel-Feldsalat) vielleicht vor einer kleinen Herausforderung in der eigenen Sprachfamilie steht.

Leider hilft die Flucht ins Selberkochen auch nicht. Denn auf dem Markt muss er sich dann mit Paradeisern (Tomaten), Melanzani (Aubergine), Karfiol (Blumenkohl), Fisolen (Bohnen) oder Eierschwammerln (Pfifferlinge) rumschlagen. Beim Obst ist er meist genauso aufgeschmissen, so dass das Dessert auch nicht einfacher zum Einkaufen wird – weder auf dem Markt mit Ribisel (Johannisbeeren), Weichseln (Sauerkirschen), Kriecherl (Mirabellen) und Marillen (Aprikosen) noch in der Bäckerei mit Powidlgolatsche (Plunder mit Pflaumenmuß), Topfenstrudel (Quarkstrudel) und Mohnzelten (mit Mohn gefüllter Kartoffelteig aus dem Waldviertel).

riesige Tomaten

das kleine da unten ist tatsächlich ein normaler Haustürschlüssel

Auch am Wurststand macht der Österreicher dem vermeintlichen Parade-Land der Wurstkultur – also Deutschland – starke Konkurrenz. Allerdings muss man hier als Teutone schon wissen, was man denn gerne haben möchte. Burenwurst, Pusztawurst, Waldviertler, mit Pfefferoni und Salzgurke oder pur, mit Kren oder einem Estragonsenf, als Hot Dog oder mit einem Scherzerl Brot. Und wenn man dann auch Stufe 2 der Wiener Wurststandphiliosophie erfolgreich absolviert hat, kann man sich „a Eitrige mit an Schoafn, an Bugel  und an 16er-Blech“ bestellen – nämlich „eine Käsekrainer mit scharfem Senf, einem Brotanschnitt und einer Dose Ottakringer Bier“.

Immerhin freut man sich beim Heurigen oder in Wanderhütten im Herbst sogar über einen Sturm – das ist hier nämlich ein Federweißer. Aber auch schon vorher, wenn ab Frühjahr ausg‘steckt is‘ – also wenn der Buschenschank oder der Heurige im Frühjahr bis Sommer geöffnet sind – gibt’s leckere Sachen. Je nach Heurigem heißt ein Sommerspritzer – also ein Weißwein mit viel Mineralwasser – auch mal Badewanne oder Überschwemmung.
Da nehmen sie es also nicht so streng wie bei den angebotenen Speisen. Denn dass in einem Buschenschank ausschließlich bestimmte und dazu noch kalte Speisen angeboten werden dürfen, ist sogar in §10 Abs. 2 des Wiener Buschenschankgesetzes geregelt. Dafür braucht’s dann aber – wieder schön inkonsequent – noch nicht einmal eine Gastgewerbekonzession.

Bei den für Heurige typischen Aufstrichen traut man sich dann auch an karibische oder alkoholische Varianten. Der Phantasie ist keine Grenze gesetzt – auch nicht bei den Speisekarten, wo man auch ein „nackertes“ oder „mag kein Brot“ bestellen kann.

a nackertes Brot

wer „nix“ mag, zahlt auch nix

Politisch korrekt findet man inzwischen auf den Speisekarten einen „warmen Schokoladenkuchen mit Schlagobers“ statt des früheren Begriffs „Mohr im Hemd“. Wenn das Pipi Langstrumpfs Vater – der heutzutage in Südseekönig umgetaufte Efraim – wüsste… Aber den österreichischen Namen der in Deutschland als Langnese bekannten Eismarke „Eskimo“ haben sie komischerweise noch nicht in „Inuit“ umbenannt.

Somit kommen wir zu einem schönen Wiener Phänomen – der Inkonsequenz. Denn ein weiteres Beispiel der politischen Unkorrektheit findet man wohl auch bei einem Betrieb im Umland, der seine Waren wie andere Firmen auch in einem Zentrallager verwaltet. Leider ist der Name dieser Firma aus geschichtlicher Sicht aber nur mit etwas politischem Bauchgrummeln mit dem Wort Zentrallager zu kombinieren.

keine schöne Kombination

aus der Geschichte könnte man eigentlich auch mal lernen…

Das politische Bewusstsein drückt sein rechtes Auge also nicht nur in Wahlkampfzeiten gerne einmal zu. Wer zum Beispiel ein großes Öl-Gemälde vom Adolf über den Kamin hängen möchte, wird von Zeit zu Zeit sogar auf dem Flohmarkt des Wiener Naschmarkts fündig.
Aber auch die weltoffene Seite ist erkennbar, wenn man ein wenig aus dem Stadtzentrum herausgeht. Böse Zungen behaupten ja, dass Wien schon auf dem Balkan liegt. Manchmal liegt es aber in den zweistelligen Bezirken sogar noch ein paar Kilometer weiter südöstlich. Würde man nicht das Wörtchen „Eingang“ am Schaufenster des Trachtenmodengeschäfts erkennen können, würde man meinen, eher in Ankara als in Wien-Ottakring zu sein…

Sultan von Ottakring

der kleine Prinz von Ottakring

Nicht immer ist die Inkonsequenz politisch. So nimmt zum Beispiel das Dörfchen Laxenburg mit vollem Stolz am Programm „Blühendes Österreich“ teil. Die Umsetzung am Schlossplatz lässt mit einer Absenz jeglichen Grüns auf dem Schlossplatz allerdings ein wenig zu wünschen übrig.

blühendes Österreich in Laxenburg

da stehts schwarz auf weiß – bunt soll’s sein

Warum wohl die Kot-Beseitigung zum Wohle der Hunde und nicht dem Menschen zu liebe geschieht, ist auch noch zu ergründen…

dem Hund zu liebe?

Hau weg die Sch… – dem Hund zu liebe…?

Kinder, Pater und Kamele

Am vorletzten Tag der Rallye begaben sich fast alle Rallye-Teilnehmer morgens in Königin Ranias Kindermuseum, wo sie einige kleine Kinder mit nagelneuen 6.000 km durch die Lande geschipperten Scout-Schulranzen beglückten. Auch wenn sie anfangs noch nicht so recht etwas damit anzufangen, haben sie dann einfach eine Ranzen-Polonaise gemacht – vielleicht ja sogar durch den gesamten menschlichen Verdauungstrakt, der dort nachgebildet ist. Man kann ihn begehen und lesen, wo man sich gerade befindet, bevor man dann durch ein Loch wieder das Licht der Museumswelt erblickt.

wunschlos glücklich?

ich wünsch mir eine Ranzen-Polonaise…

Wishwall bei Ranias Museum

NahAmRosten wünscht Frieden für den Nahen Osten

Draußen vor dem Gebäude türmten sich dann bald die ganzen Gedenksteine für die Wishwall, die jedes Team mitbrachte. Auch NahAmRosten wünscht Frieden für den Nahen Osten bevor wir uns dann zusammen mit dem Team Freeriders SCA auf den Weg nach Al Salt gemacht haben. Hier wäre unser Martinshorn genauso ignoriert worden wie im gesamten türkischen Stadtverkehr, allerdings aus einem anderen nicht-ignoranten Grund:

 

Wir haben Father Andrew’s The Holy Land of the Deaf besucht und leider konnte uns da niemand hören. In dieser Gehörlosen-Einrichtung mit Internat, Gehörlosenschule und Berufsausbildungszentrum arbeiten tolle Menschen mit Gehörlosen und sogar Taubblinden. Und die Kinder arbeiteten auch schwer. Ursprünglich wollten wir nur einige der gesponserte Werkzeugtaschen für deren Schlosserei und KFZ-Mechaniker-Ausbildung übergeben und ein paar eigene Sachen dort lassen. Am Ende wimmelte es nur so von kleinen „Putzerfischen“, die uns fast alles nicht-Niet-und-Nagelfeste vom Auto auf den großen Spendenberg trugen inklusive Annikas Sonnenbrille, die der kleinen Fünfjährigen viel zu groß war, die damit aber großartig aussah. Diesem Treiben ist nicht einfach beizukommen, wenn man nicht einfach mal einen Schluss-jetzt-Schrei loslassen kann.

der taube Hummelflug

ein Sack voller Flöhe ist nichts dagegen

Am nächsten Tag ging das große Ausschlachten dann weiter. Diesmal Dinge, die wir wieder mit heimnehmen wollten. Funkgeräte, Schlafsäcke und sogar Bernds Blaulichtbalken – das etwas andere Handgepäck… In das konnten wir die Siegertrophäe dann erwartungsgemäß nicht packen. Erstens weil das Kamel viel zu groß wird – es ist noch ein junges Kamel, das einen neuen Besitzer in Jordanien bekommt – und zweitens, weil wir wie ca. 100 andere Teams auch Vierter geworden sind. Es gibt bei der AOR nämlich keine Verlierer.

überbewertetes Siegerkamel

Blech statt Bronze – aber völlig wurscht

Nur die Plätze 1 bis 3 durften noch jeweils eine Bronze-Statue eines Kamels mitnehmen und die Damen des Siegerteams durften dann auf einem ausgewachsenen Ersatz-Kamel mitten durch das festliche Bankett auf der Panorama-Terrasse des 5-Sterne-Hotels reiten. Mann, wäre uns das peinlich gewesen, wenn es unser Kamel gewesen wäre, das mitten zwischen die Tische geköttelt hat…

Kameldinner

Kamel statt Elefant im Porzellanbankett

Da werden wir doch lieber ohne rot zu werden Vierter und haben die Rallye in vollen Zügen und heißen Autos genossen. Und daher folgt hier in Kürze noch eine Galerie mit den schönsten Bildern – sobald die tausenden von Bildern durchgeforstet sind…

… und dann gingen wir über den Jordan

Als am nächsten Morgen eine Menge westlicher und japanischer Touristen in unser Parkplatz-Schlaflager eindrangen, war’s definitiv Zeit, weiterzuziehen. Vorbei an Panzern, Fruchtständen, palästinensischen Checkpoints, antiquierten Tankstellen und tieffliegenden Kampfjets immer entlang des Jordans – um dann über den Jordan zu gehen bzw. besser gesagt über selbigen zu fahren. Mit Begrüßungsplakat „Welcome To Jordan – Al Goy Rally“.

herzlich willkommen, lieber Al Goy

Al Goy – der kleine Bruder von Al Gore?

Und ab dann wurde es noch mal richtig spannend. Keine anderen Teams mehr zu sehen, unübersichtliche Käffer, kaum Tankstellen, LKWs mit Kopfkissen zur Ladungssicherung von Sattelschleppern, Flüchtlings-Camps nahe der syrischen Grenze und urplötzlich fröhlich winkende Polizisten, die uns in die Wüste schickten. Denn mitten darin war unser Übernachtungsplatz.

Kopfkissen sind nicht nur zum Schlafen da

sanft gebetteten Hauptes über die Landstraße

Morgens hatten manche dann ein paar Sorgenfalten und Magengrummeln nach dem Aufwachen:

Klappspaten-Stuhlgang

auf zur Morgentoilette…

Beim morgendlichen Klappspaten-Wüsten-Stuhlgang konnte man beobachten, wie Panzer und Soldaten einen Ring um unser Camp zogen. Und wie immer auf dieser Rallye schossen die Gerüchte ins Kraut… Top-Theorie war ein Manöver, wie man ein Flüchtlingslager vor Angriffen schützt.

Wüstensoldaten

… mit dem etwas anderen Ring Of Fire

Später stellte sich raus, dass es durchaus auch eine Sicherheitsmaßnahme zum Schutz der königlichen Familie war. Denn mitten in der intensiv-staubigen Wüstenetappe führte uns ein Polizeiauto plötzlich zu einem Zelt beim Weltkulturerbe und plötzlich hieß es quasi-karnevalistisch: „D’r Prinz kütt“. Der Schirmherr der Rally – Kronprinz Hussein Bin Abdullah II. – gab sich in einem deutlich geländetauglicheren schwarzen Monstertruck die Ehre und schüttelte ein paar Hände. Ob das die gesamten Truppenbewegungen drumrum wirklich erklärt oder ob der einfache Grund wohl war, dass wir mitten in einem Militärgebiet geschlafen hatten und gefahren waren, bleibt wohl immer ein Geheimnis. Aber zumindest waren die letzten Skeptiker waren nun frei nach Nobbie Blüm überzeugt… Eins is’ sischer, die Rente Rallye is’ sischer!

sichere Ralyle

Flankenschutz auch ohne Seiten-Airbags

Danach ging’s dann streng nach nicht vorhandenem Roadbook zur deutschen Universität nach Amman. Keine rechte Ahnung wo lang’s ging und ob wir wirklich dahin mussten, aber dafür ist man ja auf der AOR. Einfach wieder ein paar Leute fragen, die einem vorfahren – und wenn’s letztendlich wie fast immer ein Polizeiauto ist, das einem mit Blaulicht vorweg fährt und den Weg leitet. Sensationell… das sollte man sich mal kurz in München oder Berlin vorstellen: verschwitzte, verstaubte Menschen in dreckigen Rostlauben fragen nach einer Polizeieskorte – und  die Freunde und Helfer stimmen fröhlich zu und winken zum Abschied.

besondere Polizeieskorte

Freunde und Helfer sorgen für Durchblick

Der Tiefpunkt ist erreicht

Im Gegensatz zur Türkei, wo rein gar kein Regelbruch Konsequenzen hatte, nimmt man es in Israel mit den Verkehrsregeln doch etwas genauer. Hier führen sogar an die falsche Stelle geschraubte Kennzeichen zum Einsatz von Zivilpolizisten. Vielleicht werden die Kinder mit ihren Drachen ja auch schon frühzeitig an das Steuern von Verkehrsüberwachungsdrohnen herangeführt. Martialisch ist das Spielgerät zumindest schon mal…

militanter Drachen

früh übt sich, wer ein Top Gun werden will…

Nach einem Platten und dem kurzen Schreck wegen plötzlichen Fahrens ohne Kupplung, hatten wir viel Zeit verloren. Also auf dem kürzesten Weg nach Bethlehem – zumindest so angedacht. Leider führte der uns nicht dorthin, sondern in eine andere Welt. Raus aus Jerusalem, rein in palästinensische Gebiete. Krasser reich-arm-Wechsel und eine bedrückende Stimmung dort in den Gebieten hinter der Mauer. Wenn man dann durch einen der schwerbewaffneten Checkpoints, die bei Bedarf einfach dicht gemacht werden, zurückfährt, ist gleich wieder alles grüner, sauberer und adrett. Vielleicht ist das ja die offizielle Begründung, warum sich Israel komplett durch eine Mauer „schützt“…?

die Mauer muss weg...!

Leider nicht mehr nur die Mauer im Kopf…

Andere Mauern Israels verwirren den Besucher dann vollends. Durch das Damaskus-Tor in die Jerusalemer Innenstadt rein und dann treffen die vorher durch eine Mauer getrennten Welten in den alten Mauern aufeinander. Begegnungen der anderen Art: Orthodoxe Juden laufen hinter Arabern durch den arabischen Teil, dicht gefolgt von Touristen und schwer bewaffneten israelischen Soldaten. Da begegnen sich die Kulturen teilnahmslos, die ein paar Kilometer weiter mit Bomben und Raketen aufeinander losgehen. Hinter einem Scan-Checkpoint sieht man dann keine Araber mehr, sondern steht vor der Klagemauer und – säuberlich zwischen Männlein und Weiblein getrennten – Betenden.

genderpolitisches Gebet

gendergerechtes Klagen

Klagen konnten wir dann auf dem nächtlichen Weg zum Toten Meer nur noch über aggressive Autofahrer, hochkomplizierte Tankstellen – bei denen man lustige Codes auf hebräisch erraten muss, um an Benzin zu kommen – und über immer noch kochende Temperaturen im Auto. Selbst die Wasserflaschen waren so heiß, dass man darin Tee hätte kochen können.

Auch wenn das Tote Meer an manchen Uferstellen genauso roch wie es heißt, fanden wir dort endlich die ersehnte Abkühlung. Um 23:00 bei 31°C mit einer Dose warmem Bier auf dem Toten Meer zu liegen, war den ganzen Weg aber mehr als wert. Lustig, dort am tiefsten Punkt der Erde bei minus 428 m zu treiben.

tiefster Punkt der Erde

schon fast auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde…

Nur vor Brustschwimmen wird ausdrücklich gewarnt. Da die Füße oben treiben und in der Luft hängen, geraten manche in Panik und schlucken das Salzwasser – und dann wird’s angeblich sogar lebensgefährlich. Also hatte der Baywatch-Turm am Strand doch seine Berechtigung, auch wenn man gar nicht untergehen kann. Wenigstens könnte man ein solches Unglück am nächsten Tag an gleicher Stelle in der Zeitung lesen…

Zeitungsente auf dem Toten Meer

seichte Lektüre

Autos Ahoi

Und da fuhren sie dahin… unsere liebgewonnenen Doppelbetten auf Rädern im Bauch einer großen Fähre. Die Zollformalitäten waren zwar relativ schnell um 3:00 Uhr nachts erledigt, aber dann zog sich’s doch bis 5:30 Uhr morgens bis die Autos auf der Fähre waren. Also gleich ins Dachrestaurant des Hotels, um das Frühstücksbuffett zu plündern. Dann die Nachtschicht in den Betten ablösen, die raus zum Shoppen musste. Dumm nur, dass gebackene Schafsköpfe und Lungen mitsamt Luftröhre schlecht durch die Handgepäck-Kontrolle nach Israel gehen.

bitte mit ohne Schaf

Schafkopfen mal ganz unbayerisch…

Oversized

XXL-Manequin

Ansonsten gibt’s in der türkischen Hafenstadt Mersin nicht wirklich viel zu kaufen. Zumindest, wenn man früh unterwegs ist. Sogar der Fischmarkt baut erst um 10:30 seine Stände auf, der Rest der Läden folgt dann gemächlich. Also erstmal (ab)warten und Tee trinken. Und natürlich essen. Allerdings nicht so viel, bis man in die Klamotten dieser Schaufensterpuppe passt… Der Kollege hätte dann auch definitiv nicht mehr ins Taxi von Mersin zum Flughafen in Adana gepasst. Da der Fiat Doblo halt doch nur vier normale Plätze hat, musste ein Schmaler auf die Armlehne zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und einer zum Gepäck in den Kofferraum. 60km sitzt man da doch inzwischen locker ab, auch wenn’s auf einer Decke in einer Plastiktüte ist.

Immerhin gab’s im Taxi noch Notfallplätze. Im Flieger angeblich erstmal nicht, denn zwei unserer Namen standen nicht auf der Liste. Aber das löst man für die Rallyeteilnehmer auf dem Flughafen von Adana anscheinend genauso locker aus der Hüfte, wie sie die Sicherheitskontrollen durchführen. Mit Hosentaschen voller Metall und Rucksäcken mit vollen Wasserflaschen ab durch die Sicherheitskontrolle. Man sollte nicht meinen, dass man von einem Hochsicherheitsland in das andere fliegt – und die beiden Länder sich noch nicht mal richtig gut leiden können. Immerhin verschonten die Israelis wenigstens dieses Mal den türkischen Frachter und schickten unsere Autos nicht auf den Meeresgrund…

Rallye-Autoverladung

auf dem Weg in den Schlund von Moby Dick

Nachdem am Abend dann einfach mal gut 550 Rallye-Teilnehmer aus den Bussen von Tel Aviv nach Haifa ausgespuckt wurden und die Hotelsituation in Haifa aufgrund von Pfingsten sowieso schon an der Kapazitätsgrenze angelangt war, hatten wir wieder einmal viel Glück. Guest House gefunden und nett umsorgt worden. Anders als so mancher andere AOR-ler, der auf den Sofas einer Hotel-Lobby „campiert“ hat oder der einfach so lange in den Kneipen der Stadt getrunken hat bis ein arabischer Mitbürger ihn und sein Team in sein Wohnzimmer eingeladen hat.

Am Morgen dann aber doch wieder ein kurzer Schreckmoment auf der Fähre: Jö und Urs existierten wie schon beim Flug anscheinend nicht auf diesem Teil der Rallye. Während Bernd und Ralph recht mühelos die Karossen von der Fähre fahren durften, musste Jö noch durch die Mangel der israelischen Behörden, weil bei Team 57 vier Namen und zwei leere Balken standen. Letztendlich löste sich aber auch dieses Kuddelmuddel auf – wie auch jenes bei der Herausgabe der vom Lademeister in der Türkei eingesammelten Autoschlüssel: Mit etwas Glück bekam jeder auch den für sein eigenes Auto passenden Schlüssel aus dem Potpourri des ca. 300 Schlüssel umfassenden Jackpot zurück…

Schlüsselfertige Auslieferung

gute Logistik ist der Schlüssel zum Erfolg

man muss nur dem richtigen Stern folgen…

Die Beschaulichkeit des qualmenden Mechanikers bescherte uns eine Suche der anderen Art. Denn es ist in diesen Gegenden gar nicht mal so einfach, jemanden zu finden, der englisch oder deutsch spricht. Der freundliche Herr vom Hotel – mit dem ich am Vorabend mit Händen und Füßen alle Leistungen und Preise für die drei Zimmer geklärt hatte – geleitete uns wie von uns gewünscht zu einer Werkstatt für Autobusse. Denn Autobusse haben ja viele Hydraulikleitungen und da kennt man sich doch mit langen Leitungen aus…

Otobüs = Autobus

also doch kein Autobus für uns…

Die lange Leitung bei der Hand-und-Fuß-Kommunikation führte uns dann prompt zum Busbahnhof statt zur Werkstatt. Auch gut, dann fragen wir halt einen Polizisten – der zwar genauso wenig Fremdsprachen-Kenntnisse hat, aber dafür ein Moped, mit dem er uns vorausfahren kann… Also mit Polizeieskorte zur richtigen Werkstatt, die aber nur kopfschüttelnd mit einer Adresse der nächsten 80km entfernten Mercedes-Werkstatt aufwarten konnte. Also folgten wir nach dem Sheriff-Stern dann dem richtigen Stern zur nächstgrößeren Stadt Denizli, um dort dann endlich den Stern von Untertürkheim zu finden.

Mercedes Tee

5-Sterne-de-Luxe-Tee

Der Besuch hatte sich letztlich aber nicht nur wegen des Tees gelohnt: In nur fünf Stunden haben sie uns für ein Fünftel des deutschen Preises die Niveauregulierung wieder flott gemacht, wurde eine neue türkische Flagge an die Standarte geknüpft, hat uns der Meister persönlich unser Handmikrofon vom CB-Funk wieder repariert und obendrein gab’s noch Pasta mit grünen Linsen in der Mechaniker-Kantine.

Wieder so flott gemacht, ging die lange Fahrt ans Mittelmeer nach Dalyan. Absoluter „Kulturschock“ nach der Fahrt durch nahezu „ausländerlose“ Gebiete Anatoliens. Es erwartete uns ein britisches Rentnerparadies mit entsprechenden Preisen – und niemand lud uns mehr zum Tee ein. Aber dafür in den Kindergarten und die Schule… Unsere restliche von der Seifenkisten-Kühlerfigur-Knetmännchen-Aufgabe übriggebliebene Knete vermachten wir samt Kreide, Fußball und Pustefix der Kindergärtnerin und durften im Klassenzimmer neben der fortgeschrittenen Bruchrechnung auch die Kombination aus Bollerofen und Beamer im Klassenzimmer bewundern.

Und bei der netten Dame in der gegenüber liegenden Bretterbude gab’s eine weitere Kostprobe von „Antike trifft Moderne“. Die Mikrowelle war eine schöne Zier, denn unsere eigenen Hände entfachten das Feuer für unsere handgerollten Böreks ..

feurige Börek

nur fast Fast Food

 

Probier’s mal mit Gemütlichkeit…

Duschen ist reine Kopfsache

deutsch-belgische Rallye-Installateurs-Kunst

Was hatten wir uns nach einstimmigem Team-Beschluss auf unsere erste Nacht im Hotel gefreut… und dann kommen wir nach Ankara ins Hypodrom und finden eine Hyde-Park-ähnliche Oase inmitten der chaotischen Stadt vor. Also nach einer kleinen Klo-Inspektion kurzentschlossen doch einstimmig für eine weitere Nacht ohne normales Bett, ohne Internet und ohne Dusche entschieden. Wobei das „Ohne Dusche“ gar nicht stimmt. Während einige von uns die komfortable Dusche mit Brausekopf unseres freundlichen belgisch-deutschen Nachbar-Teams in Anspruch nahm, wählten andere die kalte Dusche des Rasensprengers – aber wenigstens kleidungstechnisch regelkonfom…

 

Parkduscher

Parkduscher

Kalt oder warm – das spielt ausnahmsweise bei der neuen Währung keine Rolle. Denn unabhängig von der Temperatur ist auf der Rallye teilweise eine Dose Efes-Bier mehr wert als die Türkische Lira. Auch wir haben uns der neuen Währung angepasst und bieten unsere Dienstleistungen anderen Teams entsprechend an: für’s Funkgeräte-reparieren bekommen wir vier Efes, verlorene Flip Flops hinterherfahren zwei Weizen und andere Teams durch den Großstadtdschungel Istanbul führen bringt immerhin noch ein Gösser, das auch wieder durch ganz Europa geschippert wurde.

Zuviel des güldenen Glückes durfte man am Vorabend des LeMans-Start nicht zu sich genommen haben. Denn wenn die ersten Autos schon mit quietschenden Reifen auf den Asphalt jagen wird es für manch langsamen „Jogger“ auf dem Weg zu den Autos durchaus brenzlig.

Le Mans unter den Augen Atatürks

Le Mans unter den Augen Atatürks

Beschaulich ging’s dann auch am nächsten Tag nach Verlassen des idyllischen Camping-Platzes am Rande des angeblich größten Canyons Europas weiter. Der kleine Ort Ulubey wurde von Rallye-Autos komplett verstopft. Von zwei Richtungen kommend stießen die verschiedenen Gruppen mitten auf der Hauptstraße aufeinander, so dass erstmal gar nichts mehr ging. Gut nur, dass wir hier sowieso alle irgendwo einen Parkplatz hätten finden müssen, um die Bretter aus Oberstaufen für die Parkbänke der ab sofort Allgäu-Orient-Ost-Weste-Friedensstraße umbenannten Straße abzugeben. Also Wagen mitten auf der Durchfahrtsstraße abgestellt, Bretter auf einen großen Haufen und dann erstmal Tee trinken und auch mal zum Barbier gehen. Rien ne va plus.

Auf dem Weg nach Ulubey kam sogar erstmals fast ein bisschen „Trucker-Tristesse“ auf: Elend lange Landstraßen, die eigentlich wie Autobahnen ausgebaut sind. Man vermutet sich schon auf letzterer, wenn nicht gelegentlich doch ein Eselskarren überholt werden müsste oder man einem rückwärtsfahrenden Laster ausweichen muss. Recht ungewöhnlich sind auch plötzliche Linksabbieger-Wende-Möglichkeiten, die zu spontanen Ausweichmanövern einladen, wenn man mit 130 Sachen an ihnen vorbeifliegt. Genauso wie der Tiefflug an den 50er Schildern vor Zebrastreifen auf der „Autobahn“ vorbei anfangs noch preußische Tugend-Zweifel aufkommen ließ. Aber wenn man sich dran halten würde, wäre man ein absolut tödliches Risiko, denn die Einheimischen scheinen die Zahl 50 komplett aus ihren Tachos verbannt zu haben.

Weitaus beschaulicher nahm es dann der Mechaniker, der mit seiner Zigarette unter unserer Benzinleitung saß und die brennende Kippe fröhlich drei Zentimeter neben das ausgelaufene Öl unserer leckgeschlagenen Hydraulikleitung schnippte. Mit ungläubigem Kopfschütteln bemerkte er, was wir schon lange wussten. Die Leitung war auf ganzer Linie so verrostet, dass man zwar eine Stelle flicken konnte, an der angrenzenden Stelle dann aber gleich wieder ein neuer Riss entstand. Also notdürftig geflickt, Gripzange wieder im Motorraum anbringen und weiter ging die wilde Fahrt. Immerhin haben sie uns unser im Wasserloch verlorenes Nummernschild wieder drangeschraubt.

Nummernschild im Abflug

da fliegt mir doch das Blech weg…