wir sind übern Damm und am Ball

Auch wenn man dem Morgenstern folgt, darf man den Tag nicht vor dem Abend loben. Diese Schranke vor dem Staudammprojekt aus dem letzten Bericht war der harmlose Anfang. Zwei Stunden Pause in herrlicher Landschaft bei selbstgekochtem Kaffee wiegten uns genauso in Sicherheit wie die herrlich neue Teerstraße. Bald aber wiegten nur noch die Stoßdämpfer und unsere extra montierten Unterbodenschutz und Zusatzlüfter waren pures Gold wert. Daher wurden sie auch nach den Schlaglöchern mit einigen Unterbodenwäschen in noch tieferen Schlaglöchern gepflegt. Viel hätte nicht gefehlt und wir hätten den Auspuff geländewagenmäßig aufs Dach umleiten müssen.

Rallye mit Tiefgang

durchs tiefe Loch am tiefen Rand

Kurz vor der griechischen Grenze gab’s dann noch eine Kostprobe kreativer Tankrechnungen. Man begeistert erst den deutschen Touristen mit einer deutschen Zapfsäule mit Orginal-Beschriftung „Betrag“, „Liter“ und „Abgabe nur in handelsüblichen Mengen“, um dann bei der Bezahlung zu sagen: Keine Kreditkarten und keine Quittung. Dann die Euro von der Zapfsäule kreativ in Albanischen Lek umrechnen, bei der Rückrechnung nur ein paar Nullen unter den Tisch fallen lassen und flugs ist dann die Rechnung um ein Drittel höher. Dumm nur, wenn der finanz-sensible Deutsche es merkt. Lag wahrscheinlich daran, dass der Deutsche Michel finanztechnisch immer vorsichtiger wird, je näher er Griechenland kommt…

auf der Suche nach den griechischen Millionen

ja, wo sind denn nun die 120.540.000,-€ von denen auf dem Schild die Rede ist…?

Wer behauptet, dass die Behörden in Griechenland „unser Geld verbrennen“ sollte mal in die Türkei kommen. Hier wird einem gezeigt, wie ineffiziente Bürokratie wirklich funktioniert… Man baut eine Menge Schalterhäuschen: Im ersten Häuschen wird gefragt, ob’s für alle drei Wagen der erste Besuch in der Türkei ist, im zweiten Haus Passkontrolle, im dritten klebt der Zoll einen Barcode mit gespeicherten Autodaten hinten auf den Pass, der dann vom Kollegen im vierten Haus gescannt wird. Vollbeschäftigung wie im real existierenden Sozialismus.

alles zum Spottpreis

Tee zum Radlager dazu gefällig…?

Ab dann wären es fast nur noch drei Stunden bis Istanbul gewesen. Aber es kommt ja eh’ nicht so wie man denkt. Denn nur noch gut 100 km vor Istanbul zeigte das Feuerwehrauto ungewohnte Schwächen. Und so kommt man dann nett ins Plaudern mit der Mechaniker-Bevölkerung inklusive kredenztem Tee, Kaffee und Sesamkringeln. Unglaublich diese tolle Gastfreundschaft der Türken. Und die schnelle, unkomplizierte und kompetente Hilfe: In nur zwei Stunden ohne vorher die Ersatzteile für den Audi da gehabt zu haben, ein Radlager und vier neue Bremsbeläge zum Schnäppchenpreis von nur 80,-€.

Ja und dann denkt man, man hätte es schon sehr bald ins Fahrerlager zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sofia geschafft – aber Pustekuchen. Verstopfter kann man sich Straßen kaum vorstellen. Aber auch hier findet man in netter Kommunikation irgendeinen Einheimischen, der sich vor Dich platziert und Dir den rechten Weg weist. Und nach nur zwei Stunden im Innenstadtverkehr dann die Fahrt hoch zum Fahrerlager. Genau zwischen den beiden Muezzinen, die gerade um 17:00 zum Gebet riefen. So fiel dann unsere geplante Einfahrt mit Martinshorn aus, aber Blaulicht sieht auch schon spektakulär genug aus. Fast so spektakulär wie unsere Gänsehaut…

Für den Weltrekordversuch mit dem weltgrößten Seifenkistenrennen kamen wir zu spät. Unsere von Annika kunstvoll aus Knete geformte Kühlerfigur kam nicht mehr zum Einsatz, da der Start des Rennens unserem Bau der Seifenkiste zuvor kam. Unglaublich, dass der Bürgermeister Istanbuls uns einen solch geschichtsträchtigen Platz als Fahrerlager für knapp 300 Fahrzeuge – zumindest diejenigen, die aufgrund der wegen eines Anschlags in Mazedonien geschlossenen Grenzen nicht in Mazedonien steckengeblieben sind – zur Verfügung stellt. Leider hatten sie vergessen, noch ein paar Dixi-Klos aufzustellen. Die öffentlichen Klos wurden gegen 22:00 geschlossen. Aber das gewitzte Rallye Team 57 ist nicht nur Nah Am Rosten, sondern auch Nah Am Rost: Einfach das Klozelt direkt auf den Gully-Rost neben dem Auto gestellt und schon läuft’s wieder.

Klozelt unterm HImmelszelt

Imklovisieren ist alles…

Nach der Rede des Europaministers und einigen spanischen Volksweisen – Besame Mucho und zwei Pasodobles – von der Militärkapelle in den schicken Türkis-Blauen Uniformen ging’s dann per LeMans-Start wieder los. Diesmal mit Martinshorn auf den Straßenbahnschienen runter Richtung Fähre. Sensationelles Gefühl in einem solchen Pulk aus verrückten Rallyeautos auf einer alten Fähre auf die asiatische Seite rüberzusetzen.

Herr Terim zieht den Hut

Frauen-(Fußball-)Power für den Patriarchen

Trostlos war dann leider eher das Ergebnis unseres Rallye-Teams gegen das Team des „Türk-DFB“. Trotz spielerischer Überlegenheit des AOR-Teams siegte das mit ehemaligen Nationalspielern gespickte türkische Team dank eines völlig unverdienten Elfmeters mit 1:0. Vielleicht ja ein zusätzliches Goodie vom Schiri an sie… nachdem auch NahAmRosten bei der Übergabe der Geschenke an den Verband eine kleine Wiedergutmachung geleistet hat. Wir haben dem türkischen Nationaltrainer Fatih Terim zwei Trikots übergeben – eines davon von der deutschen Nationalspielerin Svenja Huth, die bei der höchsten Niederlage der türkischen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft im Team stand. Bei der Begründung lächelte dann sogar der offizielle Betreuer des Verbands milde…

Und zum krönenden Abschluss des Tages gab’s bei Bier und Wassermelone auf dem Felsen über dem Schwarzen Meer sitzend eine kleine Schwimmeinlage eines Delfins vor der untergehenden Sonne. Da geht das Herz auf…

Delfin am Schwarzen Meer

Flossenaufgang im Sonnenuntergang

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Balkanexpress: Die Temperatur steigt, das Niveau sinkt

Jetzt beginnt die Zeit, in der wir öfter mal unser Fähnchen in den Wind hängen. Und zwar bei jedem Grenzwechsel das entsprechende. Soviel Zeit muss sein…Fähnchen-nach-dem-Wind-Hänger

Und spätestens ab Rijeka in Kroatien stiegen die Temperaturen. Außentemperatur, vollgepackter Innenraum und durch Pannen bedingte Adrenalin-Hitzewallungen. Noch innerhalb der ersten 1000 km haben wir es tatsächlich geschafft, das erste Auto zu malträtieren bis der Onkel Doktor kommen musste. Die Niveau-Regulierung – die vom Mercedes, nicht das Niveau im Innenraum, das sich schon lange verabschiedet hat – hat den Geist aufgegeben und hat uns den ersten Besuch bei der Werkstatt beschert. Die Hydraulikleitung war leider auf ganzer Linie zu nah am Rosten und hat sich mit einer fröhlichen Öl-Fontäne verabschiedet. Hat uns drei wertvolle Stunden und zwei Stuttgarter Hofbräu für den freundlichen kroatischen Mechaniker aus Nürnberg gekostet. Der konnte eh’ nur feststellen, dass Dr. Ralf die Leitung perfekt amputiert hatte und wir versuchen sollen, ohne Niveau-Regulierung die restlichen 6000 km zu überleben.

Der Schreck und die Temperaturen hätten eigentlich zu einem bayerischen Grundnahrungsmittel eingeladen, aber dafür hatten wir noch zuviel Strecke vor uns. Aber immerhin wissen wir jetzt, warum die Bayern von Bier als Grundnahrungsmittel sprechen. Das haben sie von den Spaniern in Kroatien gelernt. Hier heißt schließlich eine Biermarke „Pan“ und Brot ist nun mal Grundnahrungsmittel.

Nach nächtlichem Trip durch die paar Kilometer Bosnien-Herzegowina haben wir nach den kläglichen drei Stunden Schlaf im Auto dann den bescheidenen Meerzugang der Bosnier entdeckt – auf der Karte. Denn das bloße Auge gaukelt einem vor, dass es sich um einen Binnensee mit kleinem Inselchen in der Mitte handelt. Aber immerhin teilen sie nicht das Schicksal der Bolivianer, die in einer aufgrund des Nationalfeiertags durchgezechten Nacht nicht gemerkt hatten, dass sie von Peru überfallen wurden und so den Meereszugang verloren haben. Und seitdem dümpelt ihre Marine auf dem Titcaca-See.

Mehr Meer für Bosnien!

Ein kleines Stückchen Meer

Mehr Durchblick haben die Montenegriner zum Teil auch nicht. Zumindest im Tunnel mit einer solch miserablen Entlüftung, dass man vor lauter Abgasen selbst mit Nebelscheinwerfer nichts sieht. Auch außerhalb es Tunnels scheinen manche etwas benebelt. So kamen wir auch in den Genuss unseres ersten „Unfalls“. Ein US-Amerikanischer Rückwärtsfahrer rollte gemütlich in die Seite unseres Feuerwehr-Autos. Kein Respekt mehr vor dem Blaulicht…

in die Parade gefahren

Flankenangriff der USA

Wäre da die Polizei gekommen, hätten sie wahrscheinlich von beiden Parteien mehr abgesahnt als die Kiste wert ist. Immerhin haben wir keine Geschwindigkeits-Knöllchen in Montenegro bekommen wie das Team Getriebesand, das auch zu unserem Kinderheim nach Elbasan gefahren ist. Für den rasant ausgedruckten 3-km/h-zu-schnell-Beleg aus der Radarpistole wollte der Polizist glatt 120,-€, bei schwarzer Bar-Zahlung ging es wenigstens auf 25,-€ runter. Da war die Abzocke an der Grenze unseres Mannes in schicker Uniform und dicker Pistole noch human. Für 5,-€ spontan eine neue Versicherung für den Anhänger – deutsche Versicherungen genießen anscheinend nicht mehr den besten Ruf in der Welt – und  jeweils ein Marken-T-Shirt von jedem anderen Auto haben uns recht günstig über die Grenze gebracht.