Deutsches Brauchtum in Brisbane

Hätte mir vor der Reise jemand gesagt, dass Cricket – obwohl ein Spiel über fünf Tage gehen und trotzdem letztendlich unentschieden enden kann – Spaß macht, hätte ich ihn wahrscheinlich auch für das nächste Kombinationsturnier aus Schach und Hallenhalma angemeldet. Aber ich muss meine Meinung revidieren.

Und das liegt nicht nur an den guten Doppelbock-Bieren aus der Fränkischen Schweiz oder dem Bamberger Aecht Schlenkerla, die man vor dem Spiel gegenüber vom Stadion im Deutschen Turnverein von Brisbane bekommt. Frisch, fromm, fröhlich, frei genießt man hier unter Gedenktafeln der Volkstanzgruppe Alpenrose, sonstigen Turnvater-Jahn-Wappen, Urkunden und Karnevals-Sitzungs-Bildern originale Biere aus Weißenohe, Weltenburg & Co oder auch ein australisches Kölsch – was sie aber doch den Kölnern überlassen sollten.

Volkstanz in Australien

Brauchtum ohne Grenzen seit 1883

Und dann ab ins Stadion, wo es im Gegensatz zu den fünftägigen Test-Matches eher zugeht wie im US-amerikanischen Basketball- oder Eishockeystadion. In letzteres fühlt man sich versetzt, wenn man schnell von der Tribüne geht, um im runtergekühlten Restaurantbereich Bier-Nachschub zu holen. Pyrotechnik, leicht bekleidete Tänzerinnen und ein komisches Maskottchen treiben traditionellen Cricket-Fans beim Big-Bash-Spektakel wahrscheinlich Tränen in die Augen.

Cricket in Brisbane

Cricket-Spektakel beim Big Bash

Die Tränen der großen Flut sind inzwischen getrocknet, aber die Schäden und die Erinnerung daran sind in Brisbane und im Hinterland noch allgegenwärtig. Eine unglaubliche Katastrophe damals.

Stadtstrand in Brisbane

Stadtstrand mit BayWatch Lebensrettern

Aber manchmal holen sie sich das Wasser auch ganz bewusst ans Land. Auf dem ehemaligen Expo-Gelände South Bank haben sie Stadtstrände und Beachclubs direkt am Flussufer, die jeden deutschen Großstadt-Beach-Club zu kleinen Sandkisten macht. Denn hier darf man rund um die Uhr schwimmen gehen, wobei man nachts auf den Rettungsschwimmer verzichten muss. Ob der vor diesem gefährlichen Hai retten könnte, ist natürlich fraglich.

Haie in Brisbane

kleine Haie

Vielleicht hat sich der Kleine das auch nur aus einer der zahlreichen Museen und Galerien gemopst. Da hat er dann unter Umständen den Begriff „Kunst ist frei“ falsch verstanden. Denn hier zahlt man für den Besuch im Museum nichts. Fantastischer Service am Bürger.

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Augen auf im australischen Straßenverkehr – sonst kracht’s oder wird’s teuer

Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie hier auf der „falschen“ Seite fahren, haben sie kreative Regeln. So werden Verkehrsvergehen in der Zeit zwischen den Jahren in Australien mit doppelten Strafen belegt. Sowohl Bußgelder als auch Punkte werden verdoppelt. Hält die meisten aber doch nicht davon ab, ein bisschen mehr zu trinken. Und das obwohl hier die Busfahrer äußerst höflich sind. Sowohl sie als auch die aussteigenden Fahrgäste bedanken sich gegenseitig und wünschen sich einen schönen Tag. Außerdem sind doch gerade zur heißen Weihnachtszeit so schöne als Weihnachtsschlitten „verkleidete“ Busse unterwegs sind (s. Tasmanien – Tod und Teufel).

Man sieht sowieso allerhand kreatives am Straßenrand. Weihnachtsmänner in Badeshorts und Surfbrett unterm Arm, Power-Nap-Areas, nahezu die gesamte Tierwelt von Tasmanischen Teufeln und Krokodilen über Wombats und Kängurus bis hin zu extravaganteren mobilen Verkehrshindernissen wie Alpacas, Enten und sonstigen komischen Vögeln.

lustiges Vogel-Warnschild in Australien

Spaßvögel am Werk

Vor denen warnen die berühmten gelben Warnschilder – die auf „No Kangaroos in Austria!“-T-Shirts auch ein österreichischer Verkaufsschlager sind. Ein anderes bemerkenswertes Schild, was man trotz aller Kaffeehaus-Kultur in Österreich vergeblich suchen wird ist: „Free Coffee Area“. Man fährt raus und bekommt von Freiwilligen einen kostenlosen Kaffee. Alles um die Fahrer auf den unendlich langen Fahrten vor dem Einschlafen zu bewahren.

Auf diesen Fahrten begegnet man auch allerhand Roadtrains, denen man nicht all zu nahe kommen möchte. Mächtige mehrere Anhänger lange Lastwagen, die an Dir und dem Schild „1.400 km bis zum nächsten Städtchen“ vorbeidonnern. Zum Glück kommen die so selten vor wie ein querlaufender Dingo.

Da lohnt es sich eher den Flieger zu nehmen, auch wenn Airlines wie Jetstar ständig Deinen Flug um bis zu einen Tag vorverlegen oder Dich mitten in der Nacht losschicken wollen. Ausgeglichen wird das durch extrem freundliche und lockere Flugbegleiter, deren Ansagen an Sprachgewandtheit und Witz einigen deutschen Radiomoderatoren deutlich überlegen sind. Und wenn’s dann noch weihnachtet, tauschen sogar die Piloten einmal Ihre Mützen – statt Kapitänsmütze winkt aus dem Cockpit ein fröhlicher Mann mit Weihnachtsmann-Mütze.

Barbie, Beer and Bondi… und noch viel mehr in Sydney

Der Australier liebt seinen Barbie. Ja richtig – seineN. Nämlich den BBQ. Der ersetzt auch gerne mal für ein paar Monate beim Hausumbau die fehlende Küche. Eigentlich braucht man auch keine Küche, denn auf dem Grill kann man alles sehr lecker herzaubern. Sogar traditionelle deutsche Weihnachtsgerichte wie die Weihnachtsgans werden perfekt. Nicht fehlen darf daneben ein Stubbie, eine kleine Flasche Bier. Was braucht man(n) mehr. Vielleicht nur das Meer und viel Geld…

Sydney ist unglaublich reich. Nicht nur finanziell, sondern auch reichlich mit perfekten Stränden gesegnet.

Weihnachtssurfer am Bondi Beach

Weihnachtsmänner reiten nicht nur auf Rentieren

Nicht nur der berühmte Bondi Beach, an dem sogar Weihnachtsmänner surfen gehen, sondern enorm viele andere, die mit den so genannten Traumstränden auf Mauritius locker mithalten können. Zumindest gibt’s hier mehr zu sehen, man kann mitten in der Stadt schnorcheln, hinter Hainetzen den Blick auf die Skyline genießen oder Teil der Reality-TV-Sendung der Lebensretter von Bondi werden.

Bondi Rescue

Kamera ready to go – jetzt muss nur noch einer in Not kommen

Das tun anscheinend leider recht viele Deutsche, die unser Image in der Welt mit dummen Entschuldigungen wie „Ich wusste nicht, dass man im Bereich zwischen den Flaggen schwimmen muss“ nicht gerade aufpolieren. So werden sie dann eben von den Lebensrettern rausgezogen und avancieren zu Fernsehstars einer der beliebtesten Doku-Soaps Australiens.

Immerhin hatten sie dann Glück, gerettet zu werden. Vielleicht hatten sie sich ja vorher in The Rocks die australische Version der glücksbringenden Hasenpfote besorgt. Hier wird nämlich auf Schildern ganz groß angepriesen, dass Känguru-Hoden doppelt so viel Glück bringen wie eine Hasenpfote.

australisches Rumkugeln

outdoor-Kegeln mit Blick auf den Ozean

 

Andere deutsche Sportler müssten sich hier auch ein wenig umgewöhnen. Im Bowling Club spielt man Outdoor, kann nebenan grillen und die Kugeln lassen manchen deutschen Profi-Kegler zweifeln, ob er beim Grillen nicht ein bisschen zu viele Stubbies hatte oder ob die Welt Down Under doch ein bisschen schräg steht. Die Kugeln haben durch ein seitlich gelagertes Gewicht mächtig Schräglage und rollen bewusst etwas krumm und anders.

politisch korrektes Eis

da bleiben die australischen Traditionalisten eiskalt

 

 

Anders ist auch der Umgang mit Namen und Traditionen. Während in Österreich diskutiert wird, ob man Eskimo Eis nicht langsam mal politisch korrekt z. B. in Langnese umbenennen müsste, heißt hier eine Sorte Eis der gleichen Firma schon seit Jahrzehnten Golden Gaytime. Vielleicht gleichen sie mit dem Festhalten an dieser Tradition mangelndes Traditionsbewusstsein auf historischem Gebiet aus. Dort in Kurnell, wo Captain Cook und seine Crew 1770 zum ersten Mal australischen Boden betraten, haben sie zwar einen schmucklosen Gedenkstein und einen Obelisken hingestellt. Es hat sie aber nicht daran gehindert, ringsum eine Ölraffinerie, eine Wasserentsalzungsanlage und ein Stückchen weiter in den Mangrovengesäumten Sanddünen eine Mülldeponie zu erreichten.

Wenigstens halten sie an der Tradition des Weihnachtsbaums fest, der zwar neben der Palme und einem Straßenmusikanten in Badeshorts für deutsche Augen ein bisschen deplatziert wirkt, aber sich trotzdem – vergebens – bemüht, ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen.

Weihnachten mit Straßenmusikant

Bei 35 Grad unterm Weihnachtsbaum

Umso mehr Stimmung kommt an Silvester im Hafen auf. Eine Parade mit beleuchteten Schiffen, ein 9-Uhr-Feurwerk für die Kinder, eins für einfach mal so zwischendrin um halb elf und dann zum Jahreswechsel das fantastische Feuerwerk rund um Oper und Harbour Bridge. Vielleicht eines der Dinge, die man mal gesehen haben muss.

Feuerwerk im Sydney Harbour

so kann das neue Jahr gern kommen…

Tasmanien – Tod und Teufel

In Tasmanien ist alles scheinbar noch ein bisschen relaxter als im Rest Australiens. Vielleicht liegt’s daran, dass sie ihr Schicksal schon immer so nehmen mussten, wie es war – hart und alternativlos. Obwohl das nicht ganz stimmt – die Alternativen der Mehrzahl der ersten Einwohner waren 7, 14, 21 Jahre oder lebenslänglich.

Denn die Einwohner waren bis auf wenige Siedler und Soldaten nahezu ausschließlich englische und irische Straftäter, die für Vergehen wie z. B. ein paar Stiefel zu klauen, 14 Jahre Haft auf der Gefangeneninsel Tasmanien erhielten und ans Ende der Welt verschifft wurden. Die ganze Insel war ein großes Gefängnis und besonders schwer waren die Jungs in Port Arthur, das das Bestrafungslager der Insel war. Hier herrschten unmenschliche Zustände von Isolationshaft über körperliche Ausbeutung bis hin zu anderen seelischen Grausamkeiten. Gepaart mit dem im Sommer ständig zwischen bullig heiß und pinguinig kalt wechselnden Wetter, führte das wohl zu einer sehr relaxten Haltung der Einwohner. Vielleicht führte das auch zu so lustigen Straßennamen wie „Smith and Others Rd.“ oder „Murderous Gully Rd“.

Der Tod begegnet einem nicht nur beim Straßennamen, sondern auch am Straßenrand. Hier kann der geneigte Biologe umfassende Feldstudien der heimischen Fauna vornehmen. Von Wallabies, über Schlangen und Vögel bis hin zu endemischen Arten wie Eastern Quoll und Tasmanischen Teufeln.

Tasmanischer Teufel

Vorsicht – bissiger Teufel

Die Teufel sind eigentlich ganz possierliche Tierchen, die ihr fleischfressendes Maul aber ganz schön weit aufreißen und mit den Zähnen fletschen. Leider sind sie aufgrund einer durch Speichel übertragenen Krebsart inzwischen stark vom Aussterben bedroht. Ein Schicksal, wie es den Tasmanischen Tiger schon ereilt hat.

Vielleicht sieht man auch den Teufel bald nur noch in Form eines zurechtgestutzten Buchsbäumchens, wie man sie hier nach guter alter englischer Tradition auf dem englischen Rasen pflegt. Sehr lustig sehen daneben dann die Weihnachtsmänner mit Surfbrett unter dem Arm aus, die zu dieser Jahreszeit gerne neben lichtergeschmückten Rentieren aller Art bei sommerlichen Temperaturen im Garten stehen. Als Rentiere werden sogar Stadtbusse „verkleidet“, denen man nicht nur Rudolfs Rote Nase dranklebt, sondern die auch noch von einem richtigen Weihnachtsmann gefahren werden.

Weihnachtsbus

Platz da – hier kommt der Weihnachtsmann

Auch andere Gefährte kann man in Tasmanien entdecken –

Herbie

Herbie – der rasende Käfer ist jetzt in Australien

ob Disney’s Herbie der Rasende Käfer auf der Straße oder einen mit einer Art aufgeblasenen Schwimmflügeln und Schwimmreifen gepolsterten Porsche Carrera im abgefahrensten Museum, in dem ich jemals war. Das Museum of Old and New Art (MONA) kombiniert in einer faszinierenden Weise Moderne Kunst mit unglaublich kreativ und modern ausgestellten antiken Stücken. Das Ganze in einem unterirdischen und verschachtelten Gebäude samt Tennisplatz als Eingangsbereich und eigenem Weinberg und Mikro-Brauerei. Hier soll Kunst nicht trocken sein, sondern man wird herzlich eingeladen, sich zu betrinken. Fantastisches Museumskonzept – nicht nur wegen der Sauferei… Hat man sich dann per Leberzirrhose hingerafft, kann man hier sogar für umgerechnet knapp 49.000,-€ seine letzte Ruhe finden – das MONA bietet die Ewigkeits-Mitgliedschaft an, bei der die Urne des Verblichenen ins Museum integriert wird.

Betrinken kann man sich auch auf dem samstäglichen Salamanca Market in Hobart, bei dem es auch unglaublich schönes und überraschendes Kunsthandwerk zu kaufen gibt. Wie das wiederum zu den deprimierenden „Kindheitsjahren“ der Insel passt, ist genauso rätselhaft, wie die Tatsache, dass hier in jedem Motel der Toaster schon nach einem Toastgang den Rauchmelder auslöst oder dass unglaublich viele tasmanische Orte nach Schweizer Orten benannt wurden. Man kann bequem aus dem Engadin nach Interlaken oder Grindelwald fahren.

Wombat in Tasmanien

Wombats haben’s ganz gemütlich