Europäische Fußspuren im neuen großen China

Wenn man in Macau am Flughafen ankommt überrascht einen weniger die zu erwatende Schwüle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad und Luftfeuchtigkeit von 97%, sondern vor allem auch, dass anscheinend Taxen Mangelware sind. Denn nur vereinzelt kommt mal ein Taxi vorgefahren, dass dann von Geisterhand die entsprechende Fahrgasttür und den Kofferraum öffnet. Selbst die Fahrer wollen bei diesem Klima nicht vor die Autotür.

Das Klima hinterlässt dann auch deutliche (Schimmel)Spuren an den Gebäuden, selbst an den schönsten und rausgeputztesten Casinos. Und davon gibt’s eine Menge.

Nicht jeder findet moderne Casinos in alten Kolonialstädten super

Nicht jeder findet moderne Casinos in alten Kolonialstädten super

Die Zockerhauptstadt Asiens, die früher mal eine beschauliche kleine portugiesische Kolonie mit kleinen beschaulichen portugiesischen Ortsteilen war, lässt jetzt ein modernes Casino neben dem anderen aus dem Boden schießen. Angeblich hat es jetzt schon Las Vegas überholt, was die Summen beim Zocken angeht. Und drumherum lassen sie sich auch nicht lumpen. Im Casino Lisboa sammeln sie eindrucksvolle Kunst in der Lobby (z. B. eine 6 Jahre lang von 10 Künstlern aus Mammutzähnen geschnitztes Teilstück der Großen Mauer samt Alltagsszenen der Menschen dort) und im The Venetian schippern ausgebildete Sänger die Fahrgäste in Gondeln durch das Gebäude – durch den künstlichen Canale Grande unter der Rialto-Brücke hindurch. Zumindest diejenigen, die nicht gerade ein Vertu-Handy für 42.000,-€ oder einen Jade-Armreif für 1,9 Millionen Euro (!) kaufen oder ein Stockwerk tiefer wahrscheinlich die gleichen Summen verzocken.

Da schaut es draußen in den Gassen und den Außenbezirken der ehemaligen portugiesischen Kolonie doch ganz anders aus. Krasser kann der Gegensatz kaum ausfallen. Die einen gönnen sich Fitness-Studios vom letzten Schrei samt den teuersten Trainern, die anderen machen das halt einfach auf dem verratzten Häuserdach.

Freiluft-Fitnessstudio auf der Schattenseite des Luxus

Freiluft-Fitnessstudio auf der Schattenseite des Luxus

Ebenso krass ist der Kontrast in Hongkong, wo sich das Leben aber stark vermischt. So stöckeln die schicken Expat-Damen durch die übel riechenden und mit Kakerlaken reichlich gesegneten Marktgassen, die sich den Berg zwischen den endlosen Wolkenkratzern hochziehen. Tagsüber sieht man dann auch, was es dort so alles gibt.

Tintenfisch - getrocknet so platt wie eine Flunder

Tintenfisch – getrocknet so platt wie eine Flunder

Zwar nicht wie in Peking in der Touri-Fressgasse Seesterne, lebende Skorpione oder Seepferdchen am Spieß, aber alles, was einen ungewöhnten westlichen Magen doch ein wenig in Wallung bringen kann. Heftigere Bilder hierzu gibt’s gerne auf Anfrage – im Angebot sind blasse Hühnerfüße, aufgedunsene Fischinnereien oder gut abgehangene Schweineköpfe.

pelziger Rindermagen und glibbriger Rest vom Vieh

pelziger Rindermagen und glibbriger Rest vom Vieh

Auch in Macau bekommt man leckere Suppen, die man sich frei zusammenstellen kann. Unsere Kombi mit Nudeln Fischbällchen, ein bisschen Gemüse und Rindfleisch war gut, auch wenn sich das Rindfleisch als Magen und irgendetwas mit einer sehr ungewohnten rindlichen Konsistenz herausstellte. Da sind die fettigen Fleischplatten, die an jeder Ecke angeboten werden, noch richtig appetitlich.

Eierpudding mal anders serviert

Eierpudding mal in der Ursprungsverpackung serviert

Ein Traum sind auf jeden Fall die aus portugiesischen Zeiten übrig gebliebenen Eiertörtchen. Ein für das deutsche Hygieneamt wahrscheinlich Präsentations-Albtraum ist dagegen der Eierpudding, der hier in einer recht originellen – da originalen – Verpackung daher kommt.

 

Auch Hongkong hat noch recht viel Anlehnung an das Vorbild aus dem kolonialen Mutterland zu bieten. Überall Doppeldeckerbusse und eine einzige spezielle Taxi-Form. Man fühlt sich fast nach London versetzt, samt anständigem Schlangestehen, coolen Jazz-Clubs und Millionen von Seven Eleven Läden. Nur der Klimaanlagenschock (von 33 Grad in 17 Grad kalte Kneipen) und ausschließlich kaltes Wasser in der Dusche meines überteuerten Hostels (das 9-Bett-Zimmer hatte die gleiche Größe wie das Badezimmer zuvor im von Joe’s AMEX-Punkten gesponserten Ressort in Macau) sowie der irre, in den Berg zementierte Straßenverkehr beamen einen schnell wieder in die Hongkonger Realität. Aber wenigstens bekommt man hier ganz ohne Anstehen und Warterei innerhalb von nur 30 Stunden das Visum für Myanmar.

Hongkonger Straßendschungel

Hongkonger Straßendschungel

Peking überrascht…

…nicht nur weil bei unserer Ankunft kaum Smog war, sondern weil die Stadt auch viel grüner und viel weniger wuselig, ist als ich dachte. In den Hutongs (den kleinen Gassen in den von der Wolkenkratzer-Bauwut arg bedrohten alten Viertel) bekommt man sogar von dem Verkehrslärm nichts mit. Dort muss man eher aufpassen, nicht vom „leisen Tod“, den schon seit Jahrzehnten rumfahrenden Elektro-Vespas und -Mofas, von hinten über den Haufen gefahren zu werden. Die Autos, die in hier zu sperrig und daher oft einfach nur in den Gassen geparkt sind, sehen aufgrund der Luftverschmutzung aus, als würden sie schon seit Jahren abgemeldet hier rumstehen. Dabei reicht in Peking manchmal schon ein Tag für eine respektable Staubschicht aus.

Lautlos bewegt sich manchmal auch die Polizei. Nämlich mit Polizei-Segways z. B. auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Da fahren sie dann Slalom um die ganzen uniformierten und Zivil-Polizisten, die den Platz zusätzlich zu den – geschätzt – 4.000 Überwachungskameras allein auf diesem Areal im Auge behalten. Seltsam, wenn man auf den Platz geht und die Chinesen ihre Taschen zum Durchleuchten in das Röntgengerät legen müssen und z.T. der Pass kontrolliert wird, während Ausländer unbehelligt drauf können. Hier wie auch bei der Verbotenen Stadt stehen wahrscheinlich aus Furcht, mit den mitgebrachten Benzin-Kanistern würden sich Mönche oder sonstige Demonstranten selbst verbrennen, unzählige Feuerlöscher direkt in der Nähe der unter Sonnenschirmen wartenden Zivilpolizisten. Was den wachsamen Augen aber wohlwollend entgangen ist, war der kleine Junge, der auf den Platz gekackt hat.

das nicht ganz so stille Örtchen im Hutong

das nicht ganz so stille Örtchen im Hutong

Und das obwohl die Chinesen bei ihren Klos durchaus erfinderisch sind. Eine Häuserecke im Hutong reicht aus. Wahrscheinlich für diejenigen, die aufgrund nicht vorhandener Türen auf das Auge-in-Auge-Geschäft mit dem gegenüber Hockenden verzichten wollen. Dabei sind sie auch hier eh’ nur mit dem iPhone beschäftigt. Wahrscheinlich für die meisten im wahrsten Sinne des Wortes ein Scheißspiel…

Die Smartphone-Sucht sorgt sowohl hier als auch in Macau oder Hongkong dafür, dass wirklich jeder in die kleine Kiste starrt – was man als Langnase in der U-Bahn recht gut beobachten kann, da man prima über alle Köpfe hinweg schauen kann. Wenn man dann rausschaut, entdeckt man die riesigen Dimensionen der Stadt. Stundenlang kann man mit der U-Bahn fahren und jedes Mal, wenn sie ans Tageslicht kommt, sieht man monströse Trabantenstädte. Erschreckend dabei ist, dass selbst diese Wohnungen für die meisten normalen Angestellten unerreichbarer Luxus sind. Die Realität ist oft ein 30m² Zimmer für die ganze Familie ohne direktes Licht, dafür aber das Klo auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Hutong.

Bei den beengten Verhältnissen ist es auch kein Wunder, wenn sich der Koch des Restaurants mal kurz während der Arbeit auf der Straße rasiert oder die Leute zweimal am Tag im Hutong-Markt frisch einkaufen gehen, da kein Platz für eine Küche oder einen Kühlschrank ist.

aus hygienischen Gründen bitte nur fernab vom Kochtopf rasieren

aus hygienischen Gründen bitte nur fernab vom Kochtopf rasieren

Wer einen Kühlschrank hat, ist oftmals ein Alien – nämlich ein hier lebender und arbeitender Ausländer, der auch einen Alienpass bekommt. Und auch wir als Besucher mussten zur Polizei, um uns als Aliens – so steht es zumindest angeschrieben – pflichtbewusst anzumelden. Angesichts der Überwachung durch Kameras durchaus empfehlenswert, es auch zu machen. Durch diese Kameratechnik  wird alles gesehen und geht nichts verloren, denn z. B. beim Schal, den unser Gastgeber verloren hatte, konnte man durch die Überwachungskameras exakt lokalisieren, wo er ihn nicht mehr hatte und konnte dann dort anrufen und sagen, dass man den Schal morgen abholt. Ob die Kameras auch verfolgen, wer in die Friseursalons mit Happy Ending geht, habe ich allerdings nicht eruieren können. Das gibt’s nämlich nicht nur bei einschlägigen Massagestudios…

Auf der Großen Mauer habe ich nur wenige Kameras gesehen. Lag wahrscheinlich daran, dass wir erst einmal auf einem unrestaurierten Stück mit herrlich unberührter Natur gewandert sind. Dann doch noch ein Stück restaurierte Mauer mit entsprechend vielen Touristen, weiterhin tollen Ausblicken und zur Belohnung eine Sommerrodelbahn, wo die Streckenposten heftigst mit Fähnchenwinken beschäftigt waren, um uns zu einer gemäßigteren Fahrweise zu bewegen. Bei Langnasen aus dem Land vom Hackl Schorsch aber vergeblich :-).

Mit dem Winken haben sie’s eh’.

sonntags morgens beim Flugzeug-Einwinken im Park

sonntags morgens beim Flugzeug-Einwinken im Park

Beispielsweise, wenn man Sonntag morgens in den Park vom Kohlehügel hinter der Verbotenen Stadt geht. Hier tummeln sich unglaublich viele Menschen zu Frühsport und Frühmusizieren der verschiedensten Art.

Marschblasen auf chinesisch

Marschblasen auf chinesisch

wie einst bei der Rocky Horror Picture Show

wie einst bei der Rocky Horror Picture Show

Ob sie mit Bändern wie ein Flugzeugeinweiser wedeln, mit einer Art Federball-HackySack Fußball-Tennis spielen, sich im Paar- wie auch Massentanz miteinander vergnügen, mit lustigen Instrumenten musizieren oder in verschiedenen Chören unter professioneller Leitung gegeneinander ansingen. Hier treffen sich alle, die nicht schon an den unzähligen Tischtennisplatten und Freiluft-Fitness-Centern hängen geblieben sind.

P.S.: Falls Ihr Euch wundert, warum so lange nichts erschienen ist. Sowohl in China als auch in Myanmar werden Blogseiten geblockt. Aus irgendeinem Grund kann ich aber in Myanmar gerade doch hochladen – zumal hier erschwerend hinzukommt, dass das Internet überhaupt nur sporadisch funktioniert. Daher jetzt schnell die ersten Texte und vielleicht später noch ein paar Fotos mehr.

Transsibirische Eisenbahn – Der Schlussspurt

Viel ist nicht passiert auf dieser Fahrt. Joe und ich haben ein Viererabteil fast für uns, mal abgesehen von der lautstarken Störung durch die beiden Chinesen, die für eine Station (also vier Stunden Fahrt) auf chinesischer Seite unser Abteil mit Geruch und Geplapper anreichern. Und das um 1 Uhr morgens…

Es ist schon ein gewaltiger Unterschied zwischen der Landschaft draußen. Eigentlich ist es vor und nach der Grenze die gleiche Landschaft. Nur macht sich der Unterscheid zwischen 85% gegenüber 10% landwirtschaftlich genutzter Fläche sehr deutlich bemerkbar. Während man auf mongolischer Seite nur ewige Weite und keine Spur von Zivilisation sieht (auch Herdenwirtschaft in der Steppe gilt wohl als landwirtschaftliche Nutzung), wurde fast jeder Quadratmeter auf chinesischer Seite planwirtschaftlich strukturiert und bebaut. In der Region um Datong mit einem Kohlekraftwerk an dem anderen. CO2 mäßige Vollkatastrophe – und jede Woche geht in China ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Dementsprechend schwer kommt die Sonne durch. Was für ein Unterschied zur völlig unterentwickelten Mongolei. Nur manchmal sieht man noch sehr ursprüngliche chinesische Regionen, die vom Reichtum der aufstrebendsten Wirtschaftsmacht wohl nie profitieren werden.

Dafür waren die Grenzbeamten erstaunlich freundlich. Auf mongolischer Seite war mehr zu tun. Irgendwie müssen diese ganzen Beamten ja auch beschäftigt werden wie z.B. die Vorhut, die einfach mal in den Pass schaut und weitergeht ohne damit irgendwas zu machen. Vielleicht sollte sie ja eigentlich den von uns pflichtbewusst ausgefüllten Ausreisewisch (Departure Card) einsammeln und hat es einfach vergessen. Oder war auf dem Weg zum Koch vom Speisewagen, der auch nix zu tun hat, weil es von seiner reichhaltigen Karte eh’ nur ein Gericht gibt. Irgendwie ist der Sozialismus doch noch präsent…

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ohne Stempel keine Wahrheit

Richtig lustig sind auch die Kopfkissen. Die sind so extrem hart, weil sich in dem Seidenkissenbezug tatsächlich zusammengerollte Teesäcke befinden. Ich hatte die ganze Zeit gedacht, ich hätte von einer Teeplantage geträumt, aber es waren einfach die Teereste darin, die nicht nur mir den Geist vernebelt hatten. Vielleicht werden deswegen die Einträge im Gästebuch der mongolischen Bahn auch kontrolliert und bei Wohlgefallen durch zwei rote Stempel freigegeben. Denn nicht nur die Chinesen mögen rote Stempel.

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Reifenwechsel beim mongolisch-chinesischen Boxenstopp

Die Grenzformalitäten waren auf mongolischer Seite recht schnell nach 1,5 Stunden beendet, die Chinesen waren noch ein bisschen schneller. Aber insgesamt dauert der Grenzwechsel doch ca. 5 Stunden, da das Fahrwerk ausgewechselt werden muss. Eine extrem aufwändige und ruckelige Sache, bei der man mindestens fünf Mal in jede Richtung verschoben wird, dann in eine Werkhalle kommt, hochgebockt wird, neue Räder druntergeschnallt bekommt und bei jeder Aktion kräftig durchgerüttelt wird, wenn die Rangierlok wieder mit Vollgas gegen den Zug rumpelt. Dabei fängt das in einer – für aus der Wüste kommende Fahrgäste – surrealen Umgebung mit blühendem Flieder, Richard-Claydermann-Geklimper aus dem Bahnhofslautsprecher und konstant still stehenden Uniformierten noch recht geschmeidig an.

Um 1 Uhr nachts geht’s dann endlich weiter – in den Smog. Schon zum Frühstück keimt die Sehnsucht nach der mongolischen Steppe auf.  Allerdings versöhnt die Landschaft nach Datong dann doch. Denn zwischen dort und Peking geben wunderschöne Berglandschaften schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf die Landschaft der Großen Mauer. Und dann fährt man an extrem akkurat angelegten Parklandschaften und unendlichen Trabantenstädten in die knapp 20 Mio. Einwohner Metropole, die unglaublich wuselig, aber auch faszinierend ist.

Mehr dazu demnächst, aber das kann dauern. Denn China blockiert alle Blogseiten, die ich so kenne. Und somit auch diesen hier. Daher habe ich mich länger nicht gemeldet. Durch die VPN-Verbindung hier bei Freunden, gehts dann doch.

Zentralmongolei – archaisches Leben in der Einsamkeit

Galerie

Diese Galerie enthält 15 Fotos.

Hier könnten sich Fuchs und Hase hervorragend gute Nacht sagen – aber leider sind sie wahrscheinlich vom Wolf gefressen worden. So sagen sich eben Schaf und Ziege gute Nacht bevor sie friedlich nebeneinander einschlafen. Überhaupt teilen diese beiden sehr viel … Weiterlesen

Wüste Gobi – ein Wechselbad der Farben

Ich sollte mich als Schamane bewerben. Immer wenn ich in eine Wüste gehe, regnet es dort. Nachdem ich in der Atacama schon den Himmel über der angeblich trockensten Wüste der Welt zum Weinen gebracht hatte, habe ich das nun auch mit der Wüste Gobi geschafft.

Mit zwei holländischen Mädels, zwei wahnsinnig lustigen englischen 19-jährigen und einem Kölschen Jung ging’s für 5 Tage in die Wüste. Leider mit einer Tourführerin, die sich darauf verlegt hatte, wahnsinnig cool zu sein und dafür auf jegliche Ahnung und Planung zu verzichten. Trotzdem wurde es ein cooler Trip.

Nicht zuletzt wegen Oggy, unserem Fahrer, der wahrscheinlich seine ersten 100 Leben als Automechaniker verbracht hatte.

Oggy in Action

Oggy in Action

Das war bei der alten russischen Kiste auch dringend nötig. Es verging kein Tag, an dem nicht irgendwas kaputt ging. Das spannendste waren die letzten 1,5 km schon zurück in Ulan Bator, wo im täglichen Verkehrschaos bei jedem halt der Motor ausging – also alle 5m. Das hatte uns dann eine zusätzliche Stunde Fahrt beschert.

Und das obwohl die Fahrt eh’ schon von extrem viel Fahrerei zu acht in einem kleinen Minibus geprägt war. Der erste Halt war zudem so utopisch weit weg geplant, dass wir nach ca. 10 Stunden anfingen, nach einer Jurte einer Nomadenfamilie Ausschau zu halten. Denn in der Gobi ist es üblich, Reisenden einfach so seine Jurte zur Verfügung zu stellen. Wir landeten bei einer Familie mit einem 1 Monate alten Baby und es ist schon etwas befremdlich, plötzlich einfach so im „Wohn-Schlaf-Ess-und-Kochzimmer“ einer Familie zu sitzen, die Dich dann auch teilweise anstarrt und teilweise so ignoriert, dass die Mutter dem Kind vor allen Fremden die Brust gibt. Glücklicherweise waren die Eltern der beiden gerade in der Stadt und wir konnten zu sechst in deren Jurte übernachten.

Die Nomaden leben heute überwiegend recht modern. Solarpaneele sorgen für Licht,TV und Stereoanlage, Motorräder haben die Pferde beim Hüten der Herde verdrängt und dennoch bleibt viel Ursprüngliches:

Der Mist muss erst trocknen...

Der Mist muss erst trocknen…

... um dann ordentlich einzuheizen

… um dann ordentlich einzuheizen

Geheizt wird zum Beispiel weiterhin mit getrocknetem Kuh-, Schaf und Ziegendung. Auf dem Ofen wird gleichzeitig der gesalzene Milchtee gekocht, den man in jeder Jurte offeriert bekommt.

Die Gobi selbst zeigt sich wahnsinnig wandelbar. Meist steppig, dann erstaunlich grün, dann die größte Sanddüne, dann Bergland wie in den schottischen Highlands, dann plötzlich ein Flüsschen, dann wieder Geröll oder rote und graue Canyons und gelegentlich auch diverse blühende Pflanzen. Man kann stundenlang rausschauen und entspannen. Gelegentlich laufen ein paar Gazellen davon, liegen klischeehaft Unmengen von Schädeln und Knochen im Sand, kommt man in riesige gemischte Schaf-/Ziegenherden oder Kamelhorden und auch zwei Geier auf einem toten Pferd sitzend ziehen an Dir vorbei. Wenn mal ein Dorf kommt, ist es unglaublich trist und leer. Aber die Kinder haben eine Menge Spaß, wenn Fremde vorbei kommen und zeigen alles, was sie so drauf haben: Fahrrad-Stunts, Ringerkünste und Bodenturnen.

heutige und künftige Mitglieder der Biker-Gang

heutige und künftige Mitglieder der Biker-Gang

ein anständiger Mongole wird Ringer

ein anständiger Mongole wird Ringer

Die zweite Nacht war im richtigen Ger (mongolisch für Jurte) und wir hatten sogar ein bisschen Holz für ein Lagerfeuer gesammelt. Herrlich unter diesem gigantischen Sternenhimmel. Am nächsten Tag ging zumindest ich unverkatert aufs Kamel.

ein störrisches Biest

ein störrisches Biest

Ich hatte leider das störrischste Biest von allen erwischt und da war es auch ein bisschen kontraproduktiv, dass mir das kleine Hirtenmadl meine Zügel selbst in de Hand drückte. Irgendwann war ich von der Karawane etwas abgerückt, denn meine Kamelsteuerungskünste schienen etwas rudimentär zu sein. Fortan wurde mein Kamel von Billy aus unserer Gruppe geführt. Das stinkende, verzottelte und dornige Biest gehorchte zwar nur widerwillig, aber wir kamen wenigstens an.

Danach wieder ab ins Auto und ruck zuck wieder liegen geblieben. Diesmal im Sand stecken geblieben und ein Leck in der Benzinleitung. Zum Glück haben diese gewieften Russen ein Auto erfunden, bei dem man frei zwischen zwei Tanks wählen kann, die man sogar während der Fahrt umschalten kann. Natürlich erreichten wir wieder unser Ziel nicht und campten trotz drohenden Regens am Fuße schöner Klippen. Das bot natürlich die Gelegenheit für einen weiteren Panorama-Fels-Stuhlgang.

Die Gobi  war schon mal wunderschön und herrlich einsam. Mal schauen, was die anderen Landesteile zu bieten haben. Übermorgen geht’s los.

Ulan Bator – Chaos und Tradition

Ulaanbaatar ist das reinste Chaos. Überall steht der Verkehr und trotzdem schießen von rechts und links noch Autos in den Verkehr rein. Das verursacht Unfälle und die verursachen noch mehr Stau, denn wie in Russland dürfen die Autos erst wieder bewegt werden, wenn die Polizei da war. Und die kommt natürlich nicht durch. Eine fantastische Spirale in den Kollaps.

mein Papa hat das größte Auto

größer, schneller, weiter

Aber immerhin dürfen an manchen Stellen keine Autos fahren, die höher als 5m (!) sind.

Ulan Bator versucht einen Spagat zwischen dieser Moderne und der Tradition. Immer wieder sieht man zwischen den großen SUVs alte Männer und Frauen in Landestracht. Allerdings hat auch im größten lamaistischen Kloster die Moderne Einzug erhalten. Nach den Gebeten und der Schule sieht man die Mönche fröhlich rauchend mit Frauen reden oder am Handy telefonieren. Und über allem in UB und in der ganzen Mongolei wacht natürlich der gute alte Dschingis.

Dschinggis Khan

Dschinggis Khan

Am 1. Mai hätte ich im ehemals sozialistischen Staat wenigstens ein bisschen Tag der Arbeit vermutet, aber das war gar nicht der Fall. Ein toller Tag um ein bisschen die Stadt zu erkunden und vielleicht die eine oder andere Tour-Agentur oder auch ein anderes Hostel zu suchen. Leider nicht so einfach, denn es gibt nicht viele Straßenschilder und alles ist ein bisschen versteckter. Es ist ein brutaler Mix aus alten sozialistischen Bauten, modernster Hochhaus-Architektur SONY DSCund sogar traditionellen Jurten mitten in der Stadt. Angeblich gibt es auch Millionen von Taschendieben, aber anscheinend keine Hunde. Dafür scheint es in der Mongolei ausschließlich das gleiche Krepp-Klopapier zu geben wie in Sibirien, nur noch dünner und mit respektablen Löchern drin. Es gäbe im Supermarkt im State Departement Store auch anderes zu kaufen, aber das wäre feige. Denn dort gibt es von Edeka Kaffee über Original-Spreewaldgurken bis hin zu Natreen Rote Grütze und einer IKEA-Fusselbürste alles zu kaufen. Und sogar hier ist es ein Preis-Paradies, wenn man gerade aus Russland kommt. Außer die Touren in die interessanten Teile des Landes. Die sind sackteuer.

Einfaches Essen bekommt man schon recht günstig. Und zwar morgens, mittags und abends Hammelsuppe mit Hammelklöschen drin. Alternativ kann man auch Hammelrippchen haben.

koreanisches Essen im Restaurant Mama

koreanisches Essen im Restaurant Mama

Da kommt als Abwechslung ein Berliner und eine Melange im Kaffee Sachers oder ein leckeres koreanisches Menü bei Mama ganz gelegen. Nicht zu vergessen, ein schönes kühles Sengur-Bier dazu.

Nachtrag zum Tag der Arbeit: Hier heißt es wahrscheinlich eher Nacht der Arbeit. Zumindest wurde ich heute Nacht im Hostel von freundlichen Bauarbeitern unterhalten, die zwischen halb eins und drei Uhr in der Nacht die Wohnung nebenan anfingen zu renovieren. Erst hämmern, dann die Wand aufstemmen, ein bisschen Bohren und dann was anschrauben. Deshalb sieht man wahrscheinlich tagsüber an keiner Baustelle auch nur einen Bauarbeiter…

Transsibirische Eisenbahn – es geht auch ruhiger

Dass es auf der Reise drinnen im Zug auch unspektakulärer und draußen spektakulärer werden kann, hat mich sehr erfreut. Auf der Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn (lustigerweise in dem Wagen, der momentan bestimmt nicht zu seinem angeschriebenen Ziel „Pjöngjang“ fährt)

eine Reise ins Nirgendwo

Moskau nach Pjöngjang

habe ich mir das Abteil mit einer jungen Holländerin und niemandem sonst geteilt. Sie sprach perfekt deutsch UND russisch, was das Leben im Zug deutlich angenehmer macht. Denn später kommen die Grenzkontrollen und die Grenzbeamtinnen sind sehr damit beschäftigt, grimmig zu sein. Da hilft es sehr, wenn jemand die Schaffnerin fragen kann, ob die Kontrolleurinnen beißen oder nicht und ob sie einem irgendwann auch einmal den Pass zurückgeben.

Ohne Pass, ohne Ticket (das verbleibt während der Fahrt bei den Schaffnern) und ohne mein gesamtes Hab und Gut im Rucksack haben wir zu viert versucht, ein kühles Bier im Shop zu ergattern. Ohne Erfolg sind wir dann auf einen Hügel im absoluten Nichts geklettert und haben – hinter uns der Friedhof (ein sehr beschwerlicher letzter Weg bergauf) – den Blick auf das letzte Städtchen Russlands vor der mongolischen Grenze genossen.

hier steppt der russische Bär

hier steppt der russische Bär

Nach insgesamt 3,5 Stunden Grenzabfertigung auf russischer Seite, rollte der Zug ins Niemandsland, wo die mongolische Uniformparade begann. Grenzbeamtinnen in Minirock und hohen Lederstiefeln zur schlecht sitzenden Stewardessinnen-Uniform, grimmig schauende Drogenfahnderinnen im Camouflage-Look, Gesundheitsinspektorinnen im Sculmädchen-Style und die Zollbeamtin im schicken VoPo-Imitat. Die Mongolen waren gnädiger und brauchten nur 1,5 Stunden. So war die Fahrt dann nach nur 26 Stunden in der kältesten Hauptstadt der Welt vorbei. Glücklicherweise begrüßte sie mich anders – mit Sonne und recht warm. Wobei ich es erst einmal vorzog, zu duschen und ein anderes Klo aufzusuchen, als das aus dem chinesischen Zug.

Augen zu und rein damit

Essen im Zug: Anspruch und Wirklichkeit – Augen zu und rein damit

Augen zu und raus damit

Das Gegenteil von essen im Zug: Ob Chinesen wirklich drauf stehen können?
– Augen zu und raus damit

Baikalsee – Superlativ des Süßwassers

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Eine Busfahrt zum Baikalsee lohnt sich, wenn  man sie aufgrund der Rennfahrer-Qualitäten der Fahrer überlebt. Ca. 1,5 Stunden mit dem Minibus dahin und zurück meinte der Busfahrer des größeren Busses er sei Niki Lauda. Da war’s nur noch gut eine … Weiterlesen

Irkutsk – Die Perle Sibiriens

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Irkutsk – für viele nur vom Spiel Risiko bekannt – ist eine selbst für Russland-Freunde unbekannte, arme, kleine Schwester von St. Petersburg und Moskau. Auch wenn es die Perle Sibiriens genannt wird. Und man merkt sogar, dass man schon lange … Weiterlesen

Transsibirische Eisenbahn – ein Erlebnis für alle Sinne – Teil 1

Unglaublich, wie die iPhones der ganzen Chinesen hier im Cafe Lenin das WLAN lahm machen können. Ich versuch’s trotzdem mal mit dem nächsten Bericht. Fotos werde ich wegen o.g. fernöstlicher Problematik wohl später hochladen.

Achtung, jetzt wird’s ein bisschen mehr Text. Sorry, aber es gibt viel zu erzählen von der lustigen Fahrt quer durch Sibirien…

Wer im Jaroslawer Bahnhof in Moskau sein Gepäck abgeben möchte, um noch ein bisschen die Stadt zu erkunden bis um 23:45 Uhr der Zug abfährt, der muss erstmal suchen. Wie auch der Leningrader Bahnhof in Moskau eine einzige Baustelle ist, findet man ebenso in diesem Bahnhof nur durch dichte Staubwolken den Weg zur Gepäckaufbewahrung. Das Gute: Man bekommt sein Gepäck auch wieder- was ja nicht schlecht ist, wenn man seinen gesamten Hausstand im Rucksack hat.

Den muss man dann nachher in einem kleinen engen Vierer-Abteil unterbringen, zusammen mit dem kleinen Rucksack und der großen Essenstüte mit Würsten, Schokolade, Fertigsuppen und Wodka. Dumm nur, wenn gleich beim Verstauen eine blinde Passagierin ins Abteil huscht und sich in der einzigen Gepäckablage oben versteckt. Als wäre es noch nicht genug des Slapsticks kommen Ihre zwei Begleiter kurz danach ins Abteil. Zwei Typen – ein mit selbsgestochenen Tattoos verzierter Ausgemergelter wie aus einem kaukasischen Gefangenenlager und sein Kumpel der Marke „Lukas-Podolski-nur kleiner-und-aufgedunsener“ – beide schon recht alkoholisiert und solche Genossen, aufgrund deren bloßen Anblicks ich schon in so manch anderen Situationen die Straßenseite gewechselt habe.

Also Gepäck unter das Bett und hoch die Tassen. Denn die Jungs fragen mich gleich – nachdem sie mir zu verstehen gegeben haben, dass ich den Schaffnern keinesfalls von der Anwesenheit unserer Begleiterin erzählen dürfe – ob ich ein Bier mit Ihnen trinken möchte. Ich beschließe, mir die Jungs zu Kumpels zu machen und freue mich, kurz darauf meinen Wodka mit ihnen zu leeren. Sie besorgen daraufhin noch flugs Räucherfisch und eingelegte Sardinen und los geht der Spaß. Nach jedem Schluck Wodka noch ein Zug aus dem Apfelsaft-Tetra-Pak und die Jungs bedeuten mir bald, dass wir uns das Mädel in der Gepäckblage ja auch brüderlich bei allem teilen könnten, was Jungs so Spaß macht. Ich verzichte großzügig und lege mich gegen halb vier ab. Von Schlafen keine Rede, denn die Jungs haben ungelogen einen 20 Minuten Takt beim Rauchen gehen. Zudem müssen sie ja alle halbe Stunde neues Bier holen und dazu konstant lautstark argumentieren.

Als der eine endlich schlief, sprach der andere gleich für ihn mit. Und kompensierte in seinen Selbstgesprächen dazu noch die Tatsache, dass ich leider keine seiner ganzen Erklärungen verstand und er für mich also auch mitreden musste. Gegen sieben schnarchte dann auch der dicke Lukas. Zumindest hörte er die Anrufe seiner wohl sehr eifersüchtigen Freundin nicht mehr, die aber weiterhin trotz MEINES konsequenten Wegdrückens der Anrufe alle 20 Sekunden wieder neu versuchte, ihn zu erreichen.

Eine Fahrt in der Transsib kann also als ein Meisterwerk auf der akkustischen (es kommt noch die Dauerbeschallung aus dem Abteil-TV), der visuellen (alle laufen in Jogginghosen und Flip-Flops rum, bevorzugt dazu kein Hemd mehr über dem behaarten und sehr gut genährten russischen Männeroberkörper) und vor allem der olfaktorischen Ebene bezeichnet werden. Hier dürfen als prägende Bestandteile vier Mal Fußgeruch, Bierfahne, alle 20 Minuten aufgefrischter kalter-Rauch-Atem und nicht zu vergessen der Teller mit dem Sardinenöl, der bis zum Mittag neben meinem Kopf stand, genannt werden. Selbstverständlich gut konserviert, da die Türe aufgrund der versteckten Mitfahrerin ja konsequent geschlossen sein musste.

Aber nicht abschrecken lassen, wer schon immer mal mit der Transsib fahren wollte: Denn ich bin ja ein Alleinreisender, der kein russisch spricht, was einen relativ ungeschützt allen möglichen Mitfahr-Typen aussetzt. Und ich habe auch bewusst das Risiko der 2. Klasse gewählt. Wenn man zu zweit ist und womöglich in der 1. Klasse (also Zweibettabteil) reist, erlebt man zwar weniger, kann aber besser schlafen und sieht mehr von der Landschaft. Die allerdings über tausende Kilometer hinweg vornehmlich Birken und zerfallene Holzhäuser bietet.

Speisewagen im Rossija

Menü 1: Essen fassen im Speisewagen

Restaurant Babuschka

Menü 2: Essen fassen bei Babuschkas (Omas)

Ich hätte sogar den Aufpreis bezahlt, aber es war nichts mehr frei in der 1. Klasse. Aber ich hatte zumindest beim Schaffner genug Mitleid erweckt und durfte das Abteil wechseln. Ich war dann mit einer Russin und einem ukrainischen Seemann – dem einzigen anderen Ausländer neben mir im Waggon und die Optimalbesetzung, wenn es den sanftmütigen, aber gefährlich dreinschauenden Riesen in einem Film zu besetzen gäbe – in einem ruhigen Antialkoholikerabteil. Der Himmel auf Schienen.

Leider nur bis in die übernächste Nacht, wo wir um 1:00 Uhr Novosibirsk erreichten, die Russin ausstieg und ich in mein altes Abteil zurück musste. Unglücklicherweise zog dann da noch ein komischer Kauz ein und wir waren jetzt zu fünft. Glücklicherweise war den beiden Spritbrüdern allerdings bereits während des ersten Tages das Geld für Bier ausgegangen und sie tranken nur noch Tee mit dem kostenlosen heißen Wasser aus dem Samowar am Gang. Die weiterhin gleich getakteten Zigarettenpausen und der strenger werdende Stallgeruch (nach 3 Tagen nicht waschen) führte wie schon in der ersten Nacht gemeinsam mit den Anrufen der Freundin (weniger werdend) sowie meiner Sorge, rechtzeitig wach zu werden, dazu, dass ich gerade mal drei Stunden schlief als der Zug nach 3,5 Tagen Irkutsk morgens um halb acht erreichte. Und zu meiner großen Erleichterung tatsächlich ein Herr ein Schild mit meinem Namen hochhielt und mich zu meiner Privatübernachtungsstätte abholte.

Nach einer kurzen Erholungspause in Irkutsk geht’s dann weiter mit der Transmongolischen Eisenbahn nach Ulan Bator. Mal schauen, mit was dieser Zug aufwarten kann. Der russische Paradezug – Rossija  hat schon mal gehalten, was er an Erlebnis versprach.